Evolution und Nahtoderfahrungen – Ein Diskussionsbeitrag von Gerd Weckwerth

Der Inhalt dieses Beitrages entspricht der persönlichen Meinung des Autors.

Im Vorfeld der Kooperationstagung von der ND Region Münster und dem Ak Glaube und Naturwissenschaft im Franz Hitze Haus vom 24. und 26. Februar gibt Gerd Weckwerth einen Überblick über das Themenfeld.

Menschen, die eine Gottes- oder Transzendenzerfahrung machen, ändern oft ihr ganzes Leben, ihre Lebenseinstellung, ihre Arbeit, ihre Freunde, teils sogar ihren Glauben. Ursachen können neben besonderen Begegnungen und einschneidenden Erlebnissen auch die als Nahtoderfahrung bekannten Vorfälle sein. Da Berichte von Letzteren oft ähnliche Verläufe bei weltweit völlig unterschiedlichen Menschen und Situationen zeigen, stellt sich die Frage, ob es dafür auch eine natürliche Erklärung geben könnte. Da offenbar jeder betroffen sein kann, liegt es für mich nahe, diese natürliche Erklärung in den menschlichen Genen als Resultat der Evolution zu suchen.

Die Zusammenhänge von Evolution und Schöpfung hat vor etwa 100 Jahren der Paläontologe und Jesuit Teilhard de Chardin SJ bereits erörtert. Sein vielleicht wichtigster Satz „Gott hat die Welt so gemacht, dass sie sich macht“ stellt insbesondere klar, dass es für ihn naiv ist zu glauben, Evolution könnte sich in seiner Gänze als eine Folge von Zufällen natürlich erklären lassen. Ganz im Gegenteil versuchte er immer wieder die Wunder der Natur trotz aller evolutiven Erklärungsmöglichkeiten als Teil seines Schöpfungsglaubens zu deuten und damit Gott als Vater und Mutter aller Evolution zu preisen. Evolutive Erklärungen speziell für die Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich, nach denen er als Paläontologe sein Leben lang suchte, waren für ihn ein Weg an der göttlichen Dimension im Werden unserer Welt teilhaben zu können.

Die Schwierigkeiten, mit denen auch ein solcher mit den Naturwissenschaften versöhnter Glaube in der heutigen Zeit zu kämpfen hat, zeigen u.a. der hohe Anteil naturwissenschaftlicher Begründungen für atheistische Grundeinstellungen. Demgegenüber scheint abergläubisches Verhalten, das naturwissenschaftlichem Denken noch ferner liegen sollte, keineswegs zurückzugehen. Ähnliches gilt für die umfangreiche Verbreitung von Esoterik, die versucht sich sowohl von den klassischen Naturwissenschaften, als auch der Theologie abzusetzen.

Nahtoderfahrungen: Diesseits & Jenseits

Eines der bekanntesten Themen der heutigen Esoterik sind sogenannte Nahtoderfahrungen. Sie scheinen Beispiele für individuelle Erfahrungen von Menschen aller Länder mit dem Jenseits zu sein, die sie in lebensbedrohlichen Situationen gemacht haben. „Jenseits“ steht dabei für eine Welt an der Schwelle zum Tod, in die Menschen kurzzeitig hineinblicken, solange bis sie aus dem Diesseits durch Verbesserung ihres körperlichen Zustands mit oder ohne ärztliche Hilfe wieder zurückgeholt werden.

Liest man Berichte oder spricht mit Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben, lässt sich aufgrund der Ähnlichkeit der Geschichten, das Vorliegen eines zusammengehörigen Phänomens kaum bezweifeln. Zu viel stimmt überein in den Erzählungen Betroffener, die teils zuvor noch nie etwas von diesem Phänomen gehört hatten, so dass die Annahme, es handele sich um unter Sauerstoffarmut ausgelöste Halluzinationen, das kaum befriedigend erklärt. Auch dass Menschen jeglichen Alters aus allen Teilen der Erde, mit unterschiedlicher Bildung und Religiosität betroffen sind, deutet auf einem gemeinsamen Ursprung.

Könnte es eine evolutive Erklärung für Nahtoderfahrungen geben?

Eine breitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Nahtoderfahrungen begann spätestens seit den 70er Jahren, in denen vor allem Psychiater wie Raymond Moody und Elisabeth Kübler-Ross Berichte gesammelt, kategorisiert und nach möglichen Ursachen durch-forscht haben. Neben Psychiatern haben zunehmend auch Soziologen, Mediziner und nicht zuletzt auch Physiker nach möglichen Erklärungen gesucht oder zumindest Teilaspekte erforscht.

Was dabei weitgehend fehlte, sind jedoch evolutive Erklärungsansätze, aus denen ein vielleicht dies-seitiger Sinn solcher Erfahrungen für die Menschheit als Ganzes hervorgehen könnte. Ein dazu passen-des Stichwort habe ich in dem kleinen Buch „Beinahe unsterblich“ des Bonner Mediziners und Professors für Pharmakologie Gerhard Molderings gefunden. Mit „Todesangstüberwindungsprogramm“ deutet er an, welchem Zweck Nahtoderfahrungen dienen könnten. Was helfen die unzähligen Vorteile des Bewusstseins, wenn es im Überlebenskampf zu Lähmung und Schwäche durch Todesangst führt?

Die Frage, wie es dabei zur Überwindung dieser Todesangst kommen könnte, lässt sicher sehr verschiedene Denkansätze zu. Eine Publikation Im letzten Jahr schlug Thanatose (Todstellen) als mögliche Überlebensstrategie und Ursprung von Nahtoderfahrungen vor, was mir weniger plausibel schien. Helfen würde eher die Überzeugung, dass der Tod gar nicht das unwiderrufliche Ende einer Person darstellt, sondern, dass man in einer jenseitigen Welt weiterlebt. Davon dass dieser Glaube an ein jenseitiges Weiterleben schon lange vorhanden war, zeugen diesem Zweck dienende Grabbeigaben zum Teil in mehr als 100000 Jahre alten Gräbern.

An dieser Stelle kommen dann die Nahtoderfahrungen ins Spiel als ein mögliches Hilfsmittel, das Menschen in Richtung eines solchen Glaubens an ein Leben nach dem Tod führen könnte; sei es der Tunnel hin zu einem hellen Licht, sei es das Treffen mit Verstorbenen oder auch die außerkörperliche Wahrnehmung, sich selbst auf einem Operationstisch von außen zu sehen, um nur einige der häufigsten Nahtoderfahrungen zu nennen. Vielleicht haben sie sich erhalten und optimiert, weil sie die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist, durch unterschiedliche Bilder und Überlegungen gegenseitig verstärken. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Nahtoderfahrungen in körperlicher Bedrängnis meist in Todesnähe ausgelöst werden und dadurch die Verbindung mit dem Tod besonders nahegelegt wird.

Welche Bedeutung könnten evolutive Erklärungen der Nahtoderfahrungen für den Glauben haben?

Leider musste ich feststellen, dass Menschen, die aufgrund von Berichten oder eigenen Nahtoderfahrung diese als ein Zeugnis aus dem Jenseits deuten, von der Vorstellung, es könnte sich „nur“ um ein in der Evolution des Menschen entstandenes Phänomen handeln, gar nicht begeistert waren. Das ging bis hin zu dem Vorwurf, ich wolle ihnen ein letztes Feld, wo Menschen noch selbst Glaubenszeugnisse aus dem Jenseits erleben könnten, mit einem evolutiven Entstehungsmodell wegerklären.

Evolutive Erklärungen nehmen aus meiner Sicht dem Glauben aber keineswegs etwas weg. Im Gegenteil bin ich wie Teilhard überzeugt, dass sie Menschen zu einem fundierteren Glauben führen, wenn sie in sich stimmig sind und belegen lassen. Solche Erklärungen haben Menschen vom Glauben an Donar, der Verfolgung von vermeintlichen Hexen oder auch von unsinnigen abergläubigen Praktiken befreit bzw. von fehlerhaften Schlüssen auf Gott gereinigt. Damit Gott aber nicht noch weiter zu einem Lückenbüßer für noch unerforschte Felder der Wissenschaft gemacht wird, ist es dagegen viel wichtiger einen Gott der Evolution, der die Welt so gemacht hat, dass sie sich macht, in den dazu nötigen Randbedingungen zu verstehen. Nahtoderfahrungen könnten in einer solchen evolutiven Welt ein entscheidendes Detail auf dem Weg zum Menschen gewesen sein, und dem zunehmenden Selbstbewusstsein des Menschen zum Erfolg verholfen haben.

Dr. Gerd Weckwerth ist einer der Leiter des ND-Arbeitskreises „Naturwissenaft und Glaube“, der vom 24. bis zum 26. Februar die Tagung im Franz Hitze Haus mitgestaltet

 

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