Gedichte und Gebete: Geschwister

Literarische Psalmen heute

Die Bibel wirkt auf ganz unterschiedliche Weise auf die zeitgenössische Literatur ein. Sie stellt Figuren, Themen, Motive und Stoffe zur Verfügung, die über alle Zeitgrenzen hinweg anregend wirken. Heutige Schriftstellerinnen und Schriftsteller spiegeln sich in den biblischen Vorgaben, fragen sie an, ändern sie ab, modernisieren sie. Aber das Prinzip wird auch umgekehrt fruchtbar: die biblischen Vorgaben fragen heutige Lebensweisen an, provozieren, geben Orientierung oder trösten. ‚Bibel und Literatur‘, das bleibt eine in beiden Richtungen spannende Beziehung.

Schauen wir hier auf ein anderes literarisches Wirkungsprinzip der Bibel. Sie stellt einen großen Fundus an sprachlichen Schätzen zur Verfügung. Die Redeweise von Prophetie etwa, oder das Erzählmuster von Offenbarungen. Keine literarische Gattung der Bibel hat die Weltliteratur jedoch stärker  beeinflusst als die der Psalmen. Sie haben den Anstoß zu einer kaum überschaubaren Fülle von Nachdichtungen und Neufassungen gegeben. Wenn es darum geht die Deutung von Erfahrungen so zu verdichten, dass sie über das empirisch Fassbare hinausgreifen, sind Psalmen ein einzigartig anregendes sprachliches Hilfsmittel. Die Liste allein im Blick auf die neuere deutschsprachigen Poesie umschließt eine Vielzahl berühmter Namen: Bertolt Brecht, Paul Celan, Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler und viele weitere.

Im 21. Jahrhundert zeigt sich eine erstaunliche Tendenz. Wo die Dichterinnen und Dichter zuvor noch mit Prozessen der Wiedererkennung auf Seiten der Lesenden rechnen konnten, brach diese Traditionskette ab. Wer heute ‚Psalmen‘ verfassen will, braucht stärkere und klarere Identitätsmarker. Psalm-Dichtung der Gegenwart kann sich nicht mit Andeutungen und rätselhaften Verschlüsselungen begnügen, sie braucht klare Formen von Erkennbarkeit. Schauen wir auf zwei herausragende Beispiele.

Kurt Marti: „alle glauben dich duzen zu dürfen“
Eine eigene Möglichkeit heutige Psalmen zu verfassen bietet die Gattung der ‚Theopoesie‘, in der die eng verwandten Texttraditionen von Gebet und Gedicht ohne stilistische oder inhaltliche Distanzierung ineinander übergehen. Der wohl wichtigste Autor dieser Tradition war der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti (1921–2017). 2007, als Alterswerk, erschien das schmale Bändchen „Du“, dessen Untertitel „Rühmungen“ auf eine für den Dichter ungewöhnliche Spätaussage schließen ließ. Die Sprachkrise der Moderne quer durch all ihre Katastrophen hindurch hatte in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen: Immer gebrochener wurden seine Texte, immer grotesk-verspielter, immer verknappter. Und im Band „Du“? Hier resümiert der Mittachtziger noch einmal seine poetische Gottesbeziehung. Doch der Ton schlägt um: Nicht mehr verspielte Leichtigkeit, nicht mehr sozialkritische
Schärfe, nicht mehr absurd-ironische Sprachsetzungen gegen das Chaos! All diese Tonarten bleiben bestehen, werden nicht zurückgenommen. Aber eingerahmt in eine Tonlage, die von einer unzerstörbaren Letztbindung spricht. Die Sprache und die Spiritualität der Psalmen steht im Zentrum.
Marti konzentriert sich nun auf die Möglichkeiten der sprachlich genau bedachten Wege des rühmenden Lobpreises. […]

Auszug aus der Hirschberg-Ausgabe 2-2026

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