Kongress 2019 - Aktuelles

Inhaltliche Kongresseinführung

Inhaltliche Einführung

Herzlich willkommen in Köln, in der Stadt, in der vor hundert Jahren, ein Jahr nach dem »Großen Krieg«, wie er nach wie vor in unseren Nachbarländern genannt wird, die Grundlagen zur Gründung der ND-Schülergemeinschaft und des Bundes Neudeutschland gelegt wurden. Nach der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wollte man einen neuen Anfang machen und ein neues Deutschland mitgestalten. Worin liegt heute unser Beitrag zur Gestaltung eines neuen Deutschlands, das ohne Europa und die globalen Herausforderungen nicht mehr gedacht werden kann bzw. darf? Der Blick zurück bei unserem Jubiläumskongress ist also kein Selbstzweck, sondern Anlass zur Selbstvergewisserung, um unser »Christsein.heute« neu zu orientieren.

Der feierliche Festgottesdienst wird im Kölner Dom stattfinden, dem Wahrzeichen für Köln schlechthin, Weltkulturerbe und Touristenattraktion ersten Ranges. Ein Blick auf den genius loci, die Eigentümlichkeiten und die Bedeutung der Stätte, die wie keine andere für Köln steht, kann möglicherweise ein Schlaglicht darauf werfen, worum es bei unserem Jubiläumskongress letztendlich geht. Die Grundsteinlegung für den gotischen Kölner Dom erfolgte im Jahr 1248 n.Chr.; der völlig intakte romanische Vorgängerbau an gleicher Stelle wurde zuvor abgerissen, da die einsetzende Wallfahrt nach der Übertragung der Gebeine der Heiligen Drei Könige im Jahr 1164 n.Chr. so gewaltig anwuchs, dass man Platz brauchte für eine neue, überaus große Pilgerkirche. Was machte die Faszination dieser Wallfahrt aus? Warum machten sich abertausende Menschen auf einen zum Teil überaus beschwerlichen und gefährlichen Weg? Manche taten es aus selbst oder durch das kirchliche Amt auferlegter Buße oder aufgrund eines Gelübdes, alle aber vor allem, um die hier aufgebahrten Gebeine der Heiligen Drei Könige zu berühren. Warum? Man glaubte so der göttlichen Kraft teilhaftig zu werden, die man den Reliquien der Heiligen zusprach. Dass diese Auffassung für die damalige Kirche und Stadtgesellschaft auch ein riesiges Geschäft war, steht auf einem anderen Blatt. Mit den Erkenntnissen der modernen Medizin und der Aufklärung aber brachen das magische Verständnis der Reliquienverehrung und die bisherige Wallfahrt nach Köln in sich zusammen.

Eine Revitalisierung des Reliquienkults ist weder erstrebenswert, noch wird er gelingen. Worin aber kann heute und auch in Zukunft die Bedeutung der Verehrung der »Heiligen Drei Könige« liegen und was hat diese Frage mit unserem Jubiläum zu tun?

Die Perikope von der »Huldigung der Sterndeuter « (Mt 2,1-12) gibt uns für das »Christsein. heute« geradezu einen hermeneutischen Schlüssel an die Hand. Vermutlich ist bei aller Berechtigung der frömmigkeitsgeschichtlichen und ikonographischen Bedeutung der Anbetungsszene der entscheidende Akzent für uns heute ein anderer. Die Erzählung führt uns Menschen vor Augen, die aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem »Himmel« bereits eine Ahnung davon hatten, dass in der Weltgeschichte etwas Außergewöhnliches passiert sein müsse. Sie machen sich zu einer Erkundungsreise auf, bei der sie etwas entdeckten, mit dem sie nicht gerechnet hatten, was für sie einen völligen Perspektivwechsel bedeutete. Sie waren aufgebrochen, um einem König auf seinem Thron zu huldigen; was sie aber fanden war ein hilfsbedürftiges Kind in einem Trog. Was für ein Perspektivwechsel! Das ganze Evangelium ist voll davon und lädt uns ständig neu dazu ein, diesen Perspektivwechsel zu entdecken bzw. zu erlernen. Denken wir nur an die Seligpreisungen, die sog. Antithesen der Bergpredigt, den Weg der aktiven Gewaltfreiheit Jesu, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Gebet Jesu (Vaterunser), die Passion Jesu, und an den Perspektivwechsel schlechthin, die Auferweckung von den Toten.

»Christsein.heute« – so lautet nicht nur das Motto des Jubiläumskongress 2019, es ist auch der Leitgedanke für die vier Dimensionen, die im zurückliegenden Entwicklungsprozess herausgearbeitet wurden und den ND ausmachen (sollen). Der ND hat sich damit auf eine Entdeckungsreise begeben, die sich an den »Stern-Konstellationen« des Evangeliums orientieren kann und soll. Die Erzählung von den Sterndeutern im Evangelium will uns darauf gefasst machen, dass »Christsein.heute« bedeutet, die vielen Perspektivwechsel, die uns Jesus im Evangelium vor Augen stellt und vorgelebt hat, neu lernen zu müssen, neu lernen zu können. Dabei kommt es auf jede/n Einzelnen an, wir müssen es aber nicht alleine lernen und ausprobieren, sondern als »Personal. Gemeinde«, die auf dem Entdeckungsweg einer noch nicht gewussten Kirche selbst schon eine ekklesiologische Wirklichkeit darstellt. Der immer neu zu erlernende, evangeliumsgemäße Perspektivwechsel verlangt ein »kritisch.intellektuelles« Durchdringen, Analysieren und Ringen nach Lösungen auf die Fragen der Zeit. Als eine bildungsaffine Gemeinschaft, wird sie sich in den je neu vom Evangelium her zu lernenden Perspektivwechsel auch auf das Bildungsverständnis selbst richten und »kreativ.kulturell« den ökonomisch-instrumentellen Verkürzungen desselben entgegen zu wirken trachten.

Der Jubiläumskongress greift also die im zurückliegenden Entwicklungsprozess des ND formulierten Dimensionen, die den ND ausmachen, auf und versteht sich als eine Etappe auf der Entdeckungsreise, zu der wir alle als Erkunder, Deuter und Akteure des Perspektivwechsels des Evangeliums eingeladen sind: zu einem »Christsein.Heute«!

Rainer Will, Mitglied der Programmkommission

 26.11.2018