»Start with a friend«, Berlin

Willkommen bei Freunden

Von Franziska Birnbach

»Flüchtling? Das bezeichnet jetzt mich, oder?«, sagt Fahed Aldumani und runzelt ein wenig seine Stirn unter den schwarzen Locken. Der 26-jährige Syrer lebt seit einem Jahr in Berlin und sitzt jetzt vor einem gemütlichen Café im Bezirk Wedding. Niemand würde ihn auf der Straße für einen Flüchtling halten. Mit seinem lässigen Hemd und einer lockeren Leinenhose sieht er aus wie einer der vielen Touristen, die täglich durch die Stadt flanieren.

In seinem früheren Alltag in Aleppo hat Fahed Jura studiert und sich beim UN-Flüchtlingshilfswerk eingesetzt. »Flüchtlinge, das waren für mich die anderen. Aber jetzt bin ich irgendwie selbst einer, auch wenn ich mich nicht so fühle«, erzählt er an diesem sonnigen Mittwochnachmittag.

Menschen wie Fahed kommen in diesen Tagen zu Tausenden nach Deutschland. Das Berliner Projekt »Start with a Friend« trifft die Neuankömmlinge und bringt sie mit ehrenamtlichen Unterstützern vor Ort in Kontakt. Seit April 2015 hat »Start with a Friend« erfolgreich rund 100 Tandems gebildet und auf ihrem gemeinsamen Weg begleitet. Studenten im ersten Semester, junge Familien, frisch pensionierte Senioren – eine unglaubliche Menge an Unterstützern hat sich bisher bei der Initiative angemeldet. Sie alle möchten geflüchteten Menschen bei ihrem Start in Deutschland zur Seite stehen und sind vom Konzept der Berliner überzeugt: sich auf Augenhöhe kennenlernen.

Fahed lächelt Magdalena an, die neben ihm in der Sonne sitzt. Die beiden haben sich vor vier Wochen durch »Start with a Friend« kennengelernt. Seitdem treffen sie sich regelmäßig. Auch die 28-jährige hat Jura studiert und macht gerade ihr Referendariat in Berlin. »Als ich mich angemeldet habe, wollte ich einfach nur helfen. Ich habe diese ganzen schrecklichen Bilder in den Nachrichten einfach nicht mehr ausgehalten«, erzählt sie. »Aber dann habe ich Fahed kennengelernt und gemerkt, dass der Begriff Helfen nicht wirklich passt. Ich lerne mindestens genauso viel von ihm wie er von mir!«

Genau hier setzt »Start with a Friend« an. Eine fremde Sprache, verwirrende Verwaltungsvorschriften und die neue Umgebung sind für viele der Geflüchteten eine Herausforderung. Das macht sie aber nicht zu Opfern und Bittstellern. Die Initiative möchte einen neuen Typ der 1-zu-1 Beziehung etablieren. »Befriending«, ein Konzept aus den USA, zielt auf eine längerfristige Bindung, ohne dass wie bei einem Patenprojekt konkrete Vorgaben erfüllt werden müssen. Die persönliche Beziehung des Tandems steht im Vordergrund, Ziele werden gemeinschaftlich gesetzt und Probleme von den einzelnen Tandems individuell angegangen. Im besten Fall entsteht eine Freundschaft. Damit sich die Tandems im Wirrwarr der Regelungen für Flüchtlinge jedoch selbstständig zurechtfinden, hat »Start with a Friend« ein Handbuch entwickelt. Darin werden die komplizierten Regeln einfach erklärt. Zum Beispiel welche Schritte für eine eigene Wohnung notwendig sind, welches Amt dafür zuständig ist und wie teuer die neue Bleibe sein darf. Unterstützung soll durch das Informationsmaterial so einfach wie möglich gemacht werden.

Zwei sind Freunde,
hinter ihnen stehen mehr

»Bisher haben wir uns nur WGs angeschaut und waren Kaffee trinken«, erzählt Magdalena. Den Papierkram hat Fahed selbst erledigt. »Ich habe Jura studiert und kann deswegen gut mit Gesetzen umgehen«, sagt Fahed und lacht. Das Gespräch wechselt zwischen deutsch und englisch, je nachdem wie kompliziert es ist, eine Sache zu erklären. Aber die Sprache ist nicht Faheds größte Herausforderung. Viel schwieriger sei es, ein WG-Zimmer in Berlin zu

finden. Durch einen Freund aus der Sprachschule fand er »Start with a Friend«, Magdalena – und nun auch ein WG-Zimmer. Magdalena und Fahed sind Freunde geworden. Sie sind nicht Retterin und Opfer, Helferin und Betroffener, Wohltäterin und Bittsteller, sondern Magdalena und Fahed, zwei Jurastudenten aus Berlin und Damaskus.

Dabei fängt »Start with a Friend« auf, womit Tandems nicht alleine dastehen möchten oder können. Das Team beantwortet spezielle Rechtsfragen und ist auch bei Unsicherheiten oder für persönliche Probleme Ansprechpartner. Wenn ein Unterstützer beispielsweise merkt, dass er seinen Tandempartner neben der Arbeit doch nicht so viel unterstützen kann, wie es die Wohnungs- oder Jobsuche erfordern würde, stellt »Start with a Friend« ihnen einfach einen weiteren Unterstützer an die Seite. Eine flexible Zeiteinteilung und der Verzicht auf vorausgehende langwierige Schulungen sollen vielen Menschen ihr Ehrenamt ermöglichen. Doch neben Betreuung fördert »Start with a Friend« auch den Austausch der Tandems untereinander.

Gemeinsam wurde bereits die Geschichte Berlins im Museum erkundet, wurden Filme im Kino gesehen und Feste gefeiert. Das Kulturcafé, in dem »Start with a Friend« einmal monatlich seinen Stammtisch abhält, platzt an diesen Abenden jedes Mal aus allen Nähten. Es geht dann nicht mehr um Deutsche, die Flüchtlingen helfen, sondern um Freunde, die gemeinsam Tee oder Bier trinken und eine gute Zeit miteinander verbringen.

Aber hinter der Idee von »Start with a Friend« steht nicht nur der Gedanke, zusammen Spaß zu haben. Doch echte Integration fängt bei diesem Austausch an. Und durch die Einbeziehung des Tandempartners in das eigene soziale Netz eröffnen sich neue Möglichkeiten. Zahlreiche Studien belegen den positiven Einfluss, den persönliche Kontakte für die schnelle Erlernung der neuen Sprache, einen Einstieg in den Arbeitsmarkt und damit für eine gelungene Integration haben. Durch eine Freundschaft im Kleinen die Gesellschaft als Ganzes positiv gestalten – daran glauben sowohl das Team als auch die Unterstützer von »Start with a Friend«.

Das Team besteht aus jungen Juristen, Politikwissenschaftlern und einer Projektmanagerin. Vor einigen Jahren habe ich selbst begonnen, Geflüchtete zu unterstützen. Dabei habe ich gemerkt, wie bereichernd eine freundschaftliche Beziehung ist und wie viele individuelle Erfolge auf diesem Weg erzielt werden können. Gleichzeitig stand ich immer wieder vor Herausforderungen und musste ich mir viele Informationen erst mühsam zusammensammeln. Auch emotional fühlte ich mich manchmal etwas allein, ich hätte mich lieber mit anderen ausgetauscht.

Mit diesem Hintergrund habe ich meine juristische Ausbildung auf das Asylrecht ausgerichtet und mich für »Start with a Friend« mit ebenso Begeisterten zusammengetan. Auch die anderen Teammitglieder haben bereits viel Erfahrung im Bereich der Asylberatung und Integrationspolitik gesammelt. So konnten wir einerseits einen Leitfaden entwickeln, der juristisch geprüft ist, und darüber hinaus von unseren Kontakten zu etablierten Trägern in der Berliner Flüchtlingshilfe profitieren. Beratungsstellen weisen Geflüchtete in ihrer Arbeit auf das Angebot von »Start with a Friend« hin. Mittlerweile melden sich aber auch viele Geflüchtete direkt bei der Initiative, da sie von Freunden oder von Zimmernachbarn, die bereits bei uns mitmachen, davon gehört haben. Für viele ist es der erste Kontakt zu Deutschen außerhalb von Amtstuben oder Notunterkünften. Sie genießen es, aus der Isolation der Wohnheime herauszukommen und ein Stück ihrer Individualität zurückzugewinnen. Außerdem sind viele auch einfach neugierig darauf, gemeinsam mit den neuen Nachbarn die unbekannte Umgebung kennenzulernen.

Es wäre viel mehr möglich...

Das Team erhält mittlerweile bundesweite Anfragen, »Start with a Friend« auch in anderen Städten umzusetzen. Hierfür treffen sie sich mit potentiellen Partnern und entwickeln gerade einen Leitfaden, wie das Konzept am einfachsten zu übertragen ist.

Doch das Team selbst stößt, wie viele der ehrenamtlichen Unterstützer in ganz Deutschland, an seine Grenzen. Seit über einem Jahr arbeitet es neben Vollzeit-Jobs und Studium ausschließlich ehrenamtlich. Dabei würden sie gerne hauptamtlich hinter den Ehrenamtlichen stehen und sie flächendeckend koordinieren.

Dass der Bedarf da ist, zeigen die Anmeldungen und bisherigen Reaktionen. Die Flüchtlinge freut es, Personen von hier an ihrer Seite zu wissen, die sie durch die neue Welt begleiten, die auf sie achten und ihnen einfach Freunde und Ratgeber sind. Die Integration so vieler fremder Menschen in unsere Gesellschaft ist eine Leistung, die wir alle vollbringen müssen, die jeden von uns angeht – und die mit diesem Ansatz besser gelingen kann.

Weitere Informationen zu »Start with a Friend« und wie Sie das Projekt unterstützen können, finden Sie unter der Website www.start-with-a-friend.de oder bei Facebook unter https://www.facebook.com/startwithafriend

Franzsika Birnbach ist die Gründerin von »Start with a friend«; sie arbeitet als Rechtsreferendarin beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Die Initiative für »Tandem-Freundschaften« zwischen Geflüchteten und Hiesigen wird im Artikel Franziska Birnbach auf den vorhergehenden Seiten ausführlich vorgestellt. Von Anfang an mit dabei waren Bschw. Sarah Rosenthal und ihr Bruder Alexander Rosentahl. Mal eine neue Idee! Das Projekt wächst noch, die Idee funktioniert in der Praxis, man hat noch viel vor. Der e.V. zu »Start with a friend« befindet sich in der Gründungsphase, die Bankverbindung wird sich nach deren Abschluss noch einmal ändern. Jetzt gilt:
Kontoinhaber: Start with a Friend / Franziska Birnbach
GLS Bank
IBAN: DE26430609671164102200
BIC: GENODEM1GLS