Im Dschungel der Ehrenamtlichkeit

Case-Management für eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien durch die Bgschw. Barbara Nikles-Windolph und Bruno Nikles

Vorbemerkung

Wir haben uns beim bisherigen Engagement bewusst allein auf den Weg gemacht, um möglichst »ungefiltert« Erfahrungen sammeln zu können. Der Bericht schildert ausschnitthaft unser ehrenamtliches Casemanagement und ist vermutlich nur zum Teil generalisierbar. Betonen möchten wir, dass wir im persönlichen Umgang mit Behördenmitarbeitern und Organisationen in der Regel sehr freundlich behandelt wurden. Kritische Anmerkungen betreffen vor allem Systemprobleme, Verwaltungsabläufe und Aspekte der Verknüpfung und Vernetzung. Aus Gründen des Schutzes der begleiteten Familie unterblieben Angaben zu deren persönlicher Lebenslage.

August 2014

Eine Freundin ruft uns an. Könntet Ihr Euch vorstellen, einer Flüchtlingsfamilie gelegentlich zu helfen, wenn sie Fragen hat? Die Familie, seit Ende Juni in Deutschland, verlässt bald die Sammelunterkunft und erhält im Oktober eine Wohnung in Eurer Nähe.

September 2014

Wir, emeritierter Hochschullehrer und ehemalige Lehrerin, sagen zu und hoffen zugleich, das Engagement für die syrische Familie bewältigen zu können. Sie hat eine geradezu klassische Flucht hinter sich, Wohnung und Arbeitsstätte wurden zerstört, dann Flucht über Ägypten nach Libyen, mit dem Boot übers Mittelmeer und schließlich von Italien ohne Registrierung nach Deutschland.

Oktober 2014

Erstes Treffen mit der Familie bei Kaffee und Kuchen. Verständigung mit Händen und Füßen und über eine Google-Übersetzungs-App Arabisch-Deutsch auf den auf dem Tisch liegenden Smartphones. Apropos Smartphone. Manchen Mitbürgern, die sich über die technische Ausrüstung der Flüchtlinge wundern, muss man erklären, dass diese Geräte auf der Flucht ebenso wichtig sind wie eine Flasche Wasser. Anschließend Besichtigung der bereits gut ausgestatteten Wohnung. Die Küche hat der Familienvater selbst aufgebaut. Die Ehrenamtlichen vor uns haben bereits »ganze Arbeit« geleistet und vieles arrangiert, etwa mit Hilfe der Kleider- und der Möbelkammern. Das Ersteinrichtungsgeld des Jobcenters war zusätzlich hilfreich. Der Nachsendeantrag bei der Post wegen des Auszugs aus der Sammelunterkunft wirkt nur ein paar Tage. Die Neuberechnung des Leistungsbezugs flattert verzögert ins Haus. Wir befassen uns mit dem Regelwerk des SGB II. Berechnungen korrekt und nachvollziehbar, sprachliche Vermittlung der Einzelheiten faktisch nicht möglich.

Der Gebührenservice von ARD, ZDF und Deutschlandfunk meldet sich »drohend«. Sammelunterkünfte können von dort aus nicht sofort als solche identifiziert werden. Aber auf klärende Faxmitteilungen müsste der »Service« eigentlich reagieren können. Ende Oktober dann Versuch der Anmeldung und Gebührenbefreiung zugleich, faktisch alles nur elektronisch möglich. Der Service geht davon aus, »dass alle Mensch PC«, wie es unser Familienvater später formulierte. Wir holen uns das Formular über eine Webseite der Stadt Grevenbroich. Was sagt dazu der Gebührenservice in schlechter preußischer Behördentradition? Man wolle sich vor Veränderungen des Formulars schützen, deshalb würde es nicht zum direkten Download angeboten! Unser weitergehender Vorschlag, man möge doch einmal bei der Deutschen Welle fragen, ob nicht in diversen Sprachen ein kleiner Text zum deutschen Gebührensystem zur Verfügung gestellt werden kann: Damit habe man nichts zu tun. Soviel zur Willkommenskultur, einem inzwischen gängigen Begriff, der aber wohl noch mühsam vermittelt werden muss. Eine Kulturaufgabe für deutsche Institutionen – vermutlich ebenso schwierig wie die der Flüchtlinge selbst, die ihr Leben neu erfinden müssen. Immerhin, man stellt in den kommenden Monaten einige Fortschritte fest: Erklärende Texte, etwa beim Jobcenter, nunmehr auch in arabischer Sprache.

Tageseinrichtungs-Versorgung für die Kinder verschlechtert sich durch Umzug: jetzt nur noch halbtags. Im Mai dann die Katastrophe: Die öffentlichen Kitas werden bestreikt. Unsere Familie kann das Problem einigermaßen bewältigen. Andere Eltern müssen aus den Deutschkursen aussteigen, um ihre Kinder zu betreuen. Die Eltern fragen neugierig, warum die kirchlichen Kindertagesstätten nicht bestreikt werden. Es würde zu weit führen, das besondere Arbeitsrecht zu erklären.

November 2014

Die Rolle des professionellen Dolmetschers beim Einschulungsgespräch ist sehr hilfreich. Bei anderen Übersetzungsvorgängen durch neben- und ehrenamtliche Kräfte vermischt sich das Dolmetschen mit dem Beraten. Dann fehlt es zum Teil an Sachkenntnis, in unserem Fall des Asylrechts und des deutschen Straßenverkehrsrechts. So werden durch die Empfehlung, zur Fahrschule zu gehen und den Führerschein-Umtausch zu beantragen, falsche Hoffnungen geweckt. Als wir uns schlau machen, stellen wir fest, dass die Ablegung der Führerscheinprüfung in arabischer Sprache in Deutschland vor wenigen Jahren abgeschafft wurde. »Unsere« Familie spricht weder Englisch noch Französisch, könnte den Erwerb der Fahrerlaubnis auch gar nicht finanzieren.

Anmeldung in einer katholischen Grundschule. Wir haben Schwierigkeiten, den Eltern zu vermitteln, dass es im Ort keine andere Möglichkeit gibt. Ob der Junge auch beten und in den Gottesdienst gehen müsse? Wir besorgen uns die Religionsbücher und zeigen auf, dass es sich nicht um klassische Katechese handelt und dass es doch nicht schlimm sein kann, ethische und religiöse Fragen zu behandeln. Die Sorgen der Eltern werden etwas kleiner.

Anmeldung für den Deutschkurs bei der Volkshochschule. Dass der Bescheid mit der »Integrationsverpflichtung« der Ausländerbehörde zugleich Gutschein für einen kostenlosen Deutschkurs ist, begreifen wir erst spät. Mehrere vergebliche Anläufe bei der VHS wegen Verständigungsproblemen wären vermeidbar und damit ein rascherer Beginn der Kurse möglich gewesen.

Es scheint, als sei die Ausländerbehörde schon zu diesem Zeitpunkt »dicht«: Zugang für ehrenamtliche Begleiter nur auf trickreichen Wegen möglich. Wir beginnen zu begreifen, welche Anstrengungen noch vor der Familie und uns liegen. Der Deutschkurs für den Familienvater wird im Februar 2015 beginnen, für die Ehefrau im März. Wir besorgen Selbstlernprogramme und geben zusätzliche Sprach-Hilfen. Gut, dass unser Rat befolgt wird, nicht gemeinsam in den Kurs zu gehen, sondern jeweils andere Tageszeiten zu wählen. Anderenfalls wäre die Betreuung der Kinder nicht möglich gewesen.

Dezember 2014

Telefon und Internetanschluss. Nach einigen technischen Problemen hinsichtlich der Hausverkabelung klappt es mit der Telekom letztlich zügig innerhalb von drei Wochen. Familienvater kauft preisgünstig einen großen Fernseher. Anschluss an gebrauchte kleine Satellitenanlage. Wir warnen vor einem übermäßigen Fernsehkonsum der Kinder und plädieren für deutsche Kinderprogramme. Unsere Warnung wird erst Monate später beachtet, als es ernsthafte Probleme durch die Berieselung mit nicht gerade gehaltvollen und kindgerechten Sendungen gibt.

Die kontinuierliche ärztliche Versorgung, zum Beispiel beim Kinderarzt, beginnt. Probleme mit der Übersetzung der Impfpässe werfen uns jetzt schon nicht mehr um.

Januar 2015

Freudige Mitteilung, ein drittes Kind ist unterwegs. Unter Integrationsaspekten sind wir nicht gerade begeistert, wir hatten frühzeitig zum Abwarten geraten. Im Freundeskreis kommunizieren wir den kommenden Bedarf an Babyausstattung, was insgesamt hervorragend gelingt und bis auf wenige Gegenstände zu einem guten Sammelergebnis führt.

Februar 2015

Beginn des ersten Deutschkurses. Schuleingangsuntersuchung, sehr gründlich und optimal mit Dolmetscherunterstützung durchgeführt. Hinweise auf spezielle Förderbedarfe treffend, aber zurzeit nicht umsetzbar. Der Papierkrieg nimmt weiter zu. Wir entschließen uns zu einer grundlegenden Neuordnung der Akten mit der Eröffnung des dritten Ordners. Erstmals erörtern wir kompliziertere Alltagserfahrungen und versuchen, der Bewirtschaftung des monatlichen Haushaltsgeldes ein wenig Struktur zu geben. Dazu gehört auch, die Preisstrukturen in Deutschland zu erläutern und vor Fehlkäufen zu warnen. Beim Abschluss eines neuen Mobilfunkvertrages kommen wir zu spät. Wir möchten nicht wissen, wie viele Schlepper, Nepper und Bauernfänger unterwegs sind, um die Asylbewerber und Flüchtlinge »auszunehmen«.

Rückforderung von Kindergeld durch das Jobcenter. In der Sache korrekt wegen sich überschneidender Überweisungs- und Bewilligungstermine. Anhörungsbogen, Text und Aufrechnungen für einen sprachunkundigen Flüchtling nicht zu verstehen. Überhaupt sind Behördenschreiben meist komplizierter als ein Blick in das Gesetz. In diesem und in anderen Zusammenhängen: Die telefonische Kommunikation ehrenamtlicher Begleiter mit dem Jobcenter findet, wenn überhaupt möglich, erst nach kräftigem Ohrensausen in der telefonischen Hotline statt. Empfehlung: Falls das Vertrauensverhältnis stimmt, sollten die Flüchtlinge Vollmachten erteilen. Als es erste Antrags- und Abrechnungsprobleme gibt, ist dies hilfreich. Ein weiterer Vorschlag: Alle Vorgänge dokumentieren, Anträge kopieren, Empfangsbestätigungen geben lassen. Deutsche Behörden arbeiten in der Regel inzwischen »papier- und beleglos« mit zum Teil üblen Folgen für die Antragsteller. Es gibt vielfach keine tragfähigen Schnittstellen zwischen dem ehrenamtlichen Handeln und dem der Behörden. Letztere könnten sich erheblich entlasten, geschieht aber nicht ausreichend. Und bei den Ehrenamtlichen würde sich die Frustration in Grenzen gehalten.

März 2015

Beide Kinder sollen schwimmen lernen, so der dringende Wunsch des Vaters. Zumal in der Absicht, mögliche Traumata aufgrund der gefährlichen Flucht über das Mittelmeer zu bearbeiten. Wir erkundigen uns nach Schwimmkursen in den Sommerferien. Optimal ergänzt durch den attraktiven und für Familien mit geringem Einkommen auf wenige Euro reduzierten Ferienpass der Stadt. Der Kurs soll im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets finanziert werden, das insgesamt durchaus erhebliche Finanzierungsmöglichkeiten enthält. Aber der bürokratische Aufwand sprengt alle Vorstellungen. Für jede Kleinigkeit – und seien es nur fünf Euro für einen Ausflug – ein eigener zweiseitiger Antrag. Der hier angesprochene Vorgang über Vorfinanzierung durch uns, Antragstellung, Bescheid bis hin zur Rücküberweisung durch den recht kooperativen Leistungsanbieter (Bäderverwaltung) dauert fast viereinhalb Monate. Inzwischen steuern wir wegen anderer Zwecke (Schulbedarf, Ganztagsbetreuung und anderes mehr) bereits auf den siebten Antrag zu. Dann geht das ganze Spiel zum Ablauf der halbjährigen Leistungszeit wieder von vorne los. Termine und Wiedervorlagen zu notieren ist nicht einfach, obwohl nun ein großer Kalender im Flur der Familie hängt. Im Übrigen hat man es mit verschiedenen Überweisungs- und Erstattungswegen zu tun, deren »Logiken« wir und mit zunehmender Sprachkenntnis auch die Flüchtlingsfamilie nur langsam zu begreifen beginnen. Böse Zungen behaupten, es wäre für den Staat auch ganz günstig, wenn die Leistungen nicht allzu bekannt werden. An den Kopf muss man sich fassen, wenn man erfährt, dass ein Jugendamt im Jobcenter für das Paket Werbung machen muss! Bereits vor dem großen Flüchtlingsstrom kommt die eigentlich gesetzlich vorgeschriebene Beratung zu kurz.

September 2015

Erste Sondierungen zu Arbeitsmöglichkeiten. Es sieht nicht gut aus für einen Kfz-Mechaniker ohne Papiere. Kein Job in Sicht, aber immerhin: Der Chef der Berufsfeuerwehr sagt zu, Anfang 2016 eine mehrwöchige »Arbeitserprobung« in den Werkstätten zu ermöglichen. Er weiß aus beruflicher Erfahrung, dass manche Herausforderungen nur zu bewältigen sind, wenn alle anpacken, jeder nach seinen Möglichkeiten.

Am Abend vor der Einschulung des älteren Jungen sprechen wir mit dem Vater über den Umgang mit der Schultüte, die vorbereitet wurde. Dann kommt die bange Frage, ob er mit dem Sohn auch die ökumenische Segnung der Erstklässler mitmachen oder erst später in die Schulaula gehen solle. Niemand werde bei dieser Gelegenheit getauft, antworten wir. Aber es wäre doch gewiss für den Sohn gut, von Anfang an dabei zu sein. Wir als Christen seien überzeugt, dass der Segen Gottes wichtig sei, so wie er es schließlich auch glaube. Nach der Schule kommt über Whatsapp ein schönes Video aus der Kirche. So viel zu einer ersten interreligiösen Begegnung.

Oktober 2015

Große Freude, das Baby ist da. Wenige Tage des Durchatmens, viele Vorbereitungen haben die Beteiligten bereits hinter sich. Jetzt geht es aber bürokratisch los: Anmeldung des Neugeborenen beim Standesamt, lange Suche und weiter Weg zum Dolmetscher wegen Übersetzung des syrischen Familienbuches, das nach einer dreivierteljährigen »Fahndung« plötzlich in der Ausländerbehörde gefunden wird. Nebenbei muss auch die Heiratsurkunde, weil von der AOK verlangt, übersetzt werden. Danach wieder zum Standesamt, dann Abwarten bis Daten im Melderegister eingestellt sind, später Haushaltsbescheinigung beim Bürgerbüro beantragen für AOK, Jobcenter und Familienkasse. Zwischendrin, weil das Kind beim Kinderarzt vorgestellt werden muss, wird ein vorläufiger Behandlungsschein ausgestellt (bis Gesundheitsausweis gefertigt ist). Man darf es wohl so formulieren: Alles ist selbstverständlich notwendig und wenn man erst »im System« drin ist, klappt es auch. In der Hälfte derartiger Fälle sind aber mindestens zwei bis drei Anläufe erforderlich, weil den Antragstellern etwas gesagt wird, was sie sprachlich und hinsichtlich der Komplexität nicht verstehen und weil das Personal eher selten einen Zettel in die Hand nimmt und darauf notiert, »was Sache ist«. Da muss es lobend erwähnt werden, wenn man als Ehrenamtlicher vom Standesamt angerufen wird, um Sachlagen zu klären. In vielen anderen Fällen stärken – möchte man ironisch hinzufügen – die vergeblichen An- und Abreisen der Flüchtlinge den öffentlichen Nahverkehr, mal abgesehen von unseren »Notfahrten« mit dem Auto. Gott sei Dank dürfen die Flüchtlinge erfahren: Bei deutschen Behörden muss man kein Bestechungsgeld in die Hand nehmen.

Dreimal wird im Sommer die Annahme eines Verlängerungsantrags zum Aufenthaltstitel mit dem Hinweis verweigert, die Familie würde schriftlich dazu aufgefordert. Die Aufforderung kommt nie. Wir setzen dann die Antragsannahme durch. Da die Familie seit mehreren Wochen ohne gültige Aufenthaltspapiere lebt und die ersten Folgen bei anderen Behörden und Institutionen auftreten, wird ersatzweise eine Fiktionsbescheinigung beantragt, gültig wiederum nur für drei Monate! Man kann es als Normalbürger nicht verstehen, warum jedes Jahr eine Verlängerung des Aufenthaltstitels für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge erforderlich ist – »mit allem Heil«, neuem Lichtbild, Fingerabdrücken und der kostenintensiven Herstellung neuer Ausweise, obwohl diese befristeten Ausweise ohnehin nur gültig sind, wenn ein weiteres ergänzendes »Papier« mitgeführt wird. Warum, so fragt der unbedarfte Laie, kann die Verlängerung nicht auch auf einem Papier erfolgen, das man auf den Ausweis klebt? Ohne durchgreifende Neuregelungen in vielen Bereichen fördert unser Staat den Infarkt der eigenen Behörden. Und die Ratlosigkeit und den Frust der Ehrenamtlichen.

Nach einem Jahr sind wir um manche Erfahrung reicher geworden. Der dramatische Anstieg der Flüchtlingszahlen im letzten Sommer lässt uns aber ernsthaft fragen, wie mittel- und langfristig gedacht und gehandelt werden muss, um die große humanitäre Geste Deutschlands in eine gelingende Integration münden zu lassen. Wir beide sind zwar jetzt ziemlich firm und könnten eine weitere Familie »schultern«. Allein, das würden wir psychisch und physisch nicht aushalten – und vielleicht würde nicht jede Behörde uns auch gerne wieder sehen.

November 2015

Es kehrt für einige Wochen etwas Ruhe ein, wobei uns zunehmend Schulprobleme begleiten. Inzwischen ist die Arbeitserprobung bei der Berufsfeuerwehr »festgeklopft« und der syrische Familienvater freut sich darauf, endlich wieder arbeiten zu können.

Dezember 2015

Das Jobcenter, das seit Oktober selbstverständlich von uns eingebunden wurde, reagiert nicht. Die Arbeitsvermittlerin ist nicht zu erreichen, E-Mails laufen ins Leere. Wir bewegen die Tasten des PC und schreiben einen der vielen Briefe, zu denen wir mangels anderer Kommunikationsmöglichkeiten greifen müssen. Frech teilen wir dem Jobcenter kurz vor den Weihnachtstagen einfach mit, dass die Arbeitserprobung am 4. Januar beginnt und dass wir sechs anstatt der angeblich nur vier genehmigungsfähigen Wochen vereinbart haben. Jetzt wird die Behörde wach und schickt uns weitere Formulare. Aber das Beste kommt noch: Das Jobcenter behauptet in der Antwort, es habe selbst diesen Arbeitseinsatz arrangiert! Nicht ärgern, das Ergebnis zählt, nicht unangemessene Formschreiben.

Januar 2016

Die Tätigkeit bei der Feuerwehr beginnt. Die syrische Mutter bekommt jetzt mit Baby und zwei Kindern in Schule und Kindergarten viel Arbeit. Erhebliche Wegstrecken sind zurückzulegen. Es klappt, aber natürlich mit großen Anstrengungen. Mit einer möglichen Nachfrage bei der Feuerwehr, wie es denn läuft, halten wir uns zurück. Dann kommt die Information, nach anfänglicher Zurückhaltung seien Direktion und Kollegen geradezu begeistert vom Arbeitseinsatz und von den Fähigkeiten. Da es keine Planstelle gibt, kommt die Stadt auf den Gedanken, den Bundesfreiwilligendienst für einen längerfristigen Einsatz ab März vorzusehen. Zwischenzeitlich erscheint zu unserer Überraschung ein publikumswirksamer großer Artikel mit Bild aus der Feuerwehrwerkstatt in der Lokalpresse.

Die Tatsache, dass immer noch keine erneuerten Aufenthaltspapiere ausgestellt wurden, führt zunehmend zu Nachfragen und Problemen. Es dauert wieder Wochen, bis endlich vorläufige Bescheinigungen ausgestellt werden. Wir hatten bereits Mitte 2015 darum ersucht.

Die jetzt vorliegenden Fiktionsbescheinigungen sind nur weitere drei Monate gültig. Bescheide werden zurückgenommen. Neue Anträge müssen gestellt werden, um den SGB II-Bezug zu sichern, das Kindergeld und anderes mehr. Der ganze behördliche Aufwand beginnt nicht ganz von vorne, denn zumindest die Aktenzeichen sind überall vorhanden. Welch ein Trost! Aber wir sind inzwischen wieder Stunden beieinander, um Zahlungen in Gang zu halten oder wieder einzuleiten, Verrechnungen zu überprüfen und die sogenannte »behördliche« Integration voranzutreiben.

Nachbemerkung

»In der Flüchtlingspolitik tobt ein Kompetenzkampf«, so titelte vor wenigen Wochen die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2. April, S. 17) und führte unter anderem aus: »Die Bandbreite strittiger Aufgaben reicht von Integrations- und Sprachkursen für Erwachsene, Sprach- und Schulförderung für Kinder über Wohnraumversorgung und Arbeitsförderung bis zu Fragen, wie man Vereine und Ehrenamtler einbindet.« Weit gefehlt wäre die Annahme, es handle sich hierbei »nur« um das übliche Gerangel im Föderalismus und unter den höchst pluralen und differenten Verhältnissen zwischen Städten, Kreisen, Ländern und den diversen (diese Ebenen auch schneidenden) Zuständigkeiten von Behörden. Nein, es betrifft auch den engagierten Ehrenamtler, der sich an den konkreten Folgen unterschiedlichster Zuständigkeiten und mangelnder Kooperationsmuster abarbeiten muss.

Man erfährt leider massiv, dass sich die Verwaltung trotz vieljähriger Debatten über »bürgernahe Verwaltung«, über »Bürgerbeteiligung«, »Einbeziehung der Zivilgesellschaft« nach wie vor (und Krisen offenbaren es besonders deutlich) schwertut, ihre System-Umwelt-Probleme zu lösen. Behörden fahren sich selbst »an die Wand«, wenn sie beispielsweise durch unsachgerechte Kommunikation (auch mit den betreuenden Ehrenamtlichen) Flüchtlinge zigmal »antanzen« lassen, ohne dass Probleme einer möglichen Lösung zugeführt werden. Einzelne Behörden stört es überhaupt nicht, wenn ihr Versagen einen Rattenschwanz an Schwierigkeiten bei anderen Behörden verursacht. Wer vollmundig von der von den Flüchtlingen zu verlangenden Integrationsbereitschaft spricht, muss zur Kenntnis nehmen, dass die Flüchtlinge stunden- und tagelang nur damit beschäftigt werden, zu Behörden zu reisen, in Warteschlangen zu stehen und unbegreifliche behördliche Textpassagen zu entziffern. Auch als Ehrenamtler läuft man im sprichwörtlichen Sinne von Pontius zu Pilatus.

Lange hat die Konzentration auf die akute Krisenhilfe verdeckt, dass in vielen Bereichen Konzepte fehlen, wie wir die nächsten Schritte angehen müssen. Jetzt dämmert es vielen, dass wir weiter denken müssen. Aus den politischen und administrativen »Führungsetagen« müsste man jetzt konkreter hören, wie es weitergeht.

Die Verbände, vom Deutschen Roten Kreuz bis zum Caritasverband, vom Technischen Hilfswerk bis zur Feuerwehr, leisten Erstaunliches. Wir müssen jetzt daran arbeiten, dass die individuellen Integrationshilfen Entlastung schaffen. Hierfür brauchen wir langfristig engagierte ehrenamtliche Kräfte mit ausreichender professioneller Unterstützung durch die Wohlfahrtsverbände. Im Hinblick auf das hier geschilderte Engagement bedarf es zudem einer sorgfältig strukturierten Verbesserung des Zugangs der Ehrenamtlichen zu den einschlägigen Behörden. Es kann nicht angehen, dass man sich in Hotlines und Wartezonen ergebnislos aufhält. Manches ist »im Netz« recherchierbar. Aber für die handlungsorientierte Umsetzung braucht es mehr Unterstützung und Transparenz. Dann kann ein ehrenamtliches Casemanagement gelingen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen ergänzten und überarbeiteten Artikel aus: Caritas in NRW, Heft 1/2016.

Prof.em. Dr. Bruno W. Nikles und Barbara Nikles-Windolph lebten in Ratingen.