Günter und Gudula Benning In Ibbenbühren:
Flüchtlinge aufnehmen ist gar nicht einfach

Unser Entschluss, zwei Geflüchtete aufzunehmen, hat viel Lob provoziert. »Toll«, sagt Ismet vom Flüchtlingsverein, »das machen nicht mal unsere Landsleute.« »Toll«, sagen die Damen vom Sozialdienst katholischer Frauen, »Sie sind die einzigen hier.«

Dumm nur, dass wir es in mehr als zwei Monaten nicht geschafft haben, die beiden Flüchtlinge zu uns holen. Das ist kein Skandal, keine böse Absicht, aber doch eine bezeichnende Geschichte aus einem überlasteten Deutschland.

Unser Fall: Bei einer Reportage habe ich zwei junge Jesidinnen getroffen. 17 und 20 Jahre, nach zwei Monaten Flucht bei Onkel und Tante untergeschlüpft. Meine Frau und ich hatten schon länger vor, Flüchtlinge aufzunehmen. Das Haus ist groß, die Kinder studieren, Platz ist da. Also laden wir die jungen Frauen für ein Wochenende ein, die Chemie stimmt, und wir haben das Gefühl, dass die beiden zielgerichtet lernen und sozial stabil sind. Wir schaffen das.

Nun müssen sie angemeldet werden. Ich rufe also mehrere Behörden an, um sicher zu gehen, dass die beiden Schwestern – die eine ist ja minderjährig – zusammenbleiben können. Es gibt unterschiedliche Auskünfte. Beide müssten zur zentralen Registrierung nach Dortmund. Die ältere müsste nach Dortmund, die jüngere zum lokalen Jugendamt. Am weitesten half der Hinweis auf eine Verordnung, nach der Geschwister nicht getrennt, Minderjährige vom Jugendamt aufgenommen und sie gemeinsam mit anderen eine »Fluchtgemeinschaft« bilden können.

Mit dieser Auskunft geht es vor Weihnachten zur Landesnotunterkunft, wo die freundlichen Securityleute uns trotzdem nach Dortmund schicken wollen. Erst ein deutliches »Nein« und der Hinweis auf die Fluchtgemeinschaft und das Jugendamt helfen. Die Schwestern werden aufgenommen, ein paar Tage später von der Bundespolizei registriert. Und dann warten sie.

Wir tun derweil etwas. Unser Jugendamt kooperiert mit dem Sozialdienst katholischer Frauen, um Pflegefamilien zu qualifizieren. Bevor wir Minderjährige aufnehmen können, kommen sechs Intensivtermine mit jeweils zwei Sozialarbeiterinnen. Das verhindert Missbrauch Und es zeigt, wie genau unser Sozialstaat seine Pflicht nimmt, auch in Krisen.

In den Unterlagen der Schwestern aus dem Irak befindet sich die Absichtserklärung, dass wir sie aufnehmen wollen. Und die liegen zwei Monate bei der Regierung in Arnsberg, wo die Verteilung der Flüchtlinge organisiert wird. Auf deren Homepage lesen wir: »Grundsätzlich gibt es keinen Anspruch des Flüchtlings auf Zuweisung in eine bestimmte Kommune in NRW. Unter bestimmten Voraussetzungen können jedoch Wünsche berücksichtigt werden.«

Eigentlich sagen alle, die wir fragen, man müsse sich nicht in Arnsberg melden. Nach zwei Monaten schreiben wir trotzdem eine Mail. Zwei Tage später die Antwort: »Besten Dank, wir schicken die Schwestern in Ihren Ort.« Man benötige nur die Einwilligung unseres Bürgermeisters.

Also rufen wir im Rathaus an. Unser Bürgermeister ist fix und Jurist. Er organisiert ein Treffen auf höchster Ebene in seinem Büro. Es stimmt zu, jetzt kann's weitergehen.

Mit »unseren Flüchtlingen« simsen wir täglich. Manchmal gehen wir Kaffee trinken oder ins Konzert. Das Schlimmste für junge Menschen in ihrer Lage ist das Warten.
Günter und Gudula Benning