Synode

Drei Gründe für eine stärker synodale Struktur unserer Kirche

Ich trete für eine Kirche ein, in der das Miteinander eine größere Rolle spielt. Warum? Drei Gründe gehen mir durch den Kopf: die Erfahrungen meiner eigenen Glaubensgeschichte, der Blick auf die neutestamentlichen Gemeinden und einige pragmatische Gesichtspunkte.

1. Was hat mir geholfen zu glauben?

In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, spielten zwar Glaube und Kirche eine wichtige Rolle; aber der Glaube wurde immer weniger selbstverständlich. Immer häufiger begegnet mir die Frage: Wie kommt es, dass ich überhaupt gern Christ sein möchte? Und noch etwas radikaler: Wo bekomme ich etwas von Gott zu spüren?

Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich auf das Stichwort „Gruppe“. Die erste Gruppe war gewiss die Familie, aus der ich komme. Meine Eltern waren politisch und kirchlich stark engagiert. Fast selbstverständlich wurden mein Bruder und ich Messdiener, das Gemeindeleben spielte eine wichtige Rolle in unseren häuslichen Tischgesprächen, gelegentlich allerdings mit einem kritischen Ton. Vor diesem Hintergrund wurde die Jugendgruppe wichtig. Im ND, zuerst erfahren in einem „Fähnlein“ von Jugendlichen, fanden wir einen Ort, an dem wir zugleich kritisch und konstruktiv Christsein ausprobieren konnten. Beides, das Kritische und das Produktive, verbanden wir mit dem Namen „Neu“: Es ging (nach dem Krieg) nicht nur um ein „neues Deutschland“, sondern auch um eine „neue Lebensgestaltung“ und um eine „Erneuerung“ der Kirche. Nicht unbedingt diese Worte, aber diese Impulse nahm ich mit in die Jugendarbeit unserer neu gegründeten Heimat-Gemeinde „Vierzehnheiligen“. Die Linie setzte sich fort während meiner langen Studienzeit in den Gruppen des Hochschulrings, die uns in Paderborn, in Münster und in München offen standen – und zur Mitgestaltung einluden.

In all diesen Gruppen war das geschwisterliche (anfangs sagten wir noch: „brüderliche“) Miteinander ein wichtiges Element. Wir brauchten Leiter; aber wir wählten sie – und wählten sie gelegentlich auch wieder ab. Das galt übrigens auch für die „geistlichen Leiter“. Ähnliche Strukturen galten auch in den „Familienferien“, die für viele (alte und junge) Teilnehmende zu wichtigen Orten geistlicher Erfahrung wurden.

Vieles von diesen Erfahrungen konnte ich dann auch in der Kirchengemeinde, in der ich als Kaplan Dienst tat, umsetzen. Die Runde der Jugendleiter verstand ich immer als Runde gegenseitiger Inspiration.

Es war die Zeit des großen Aufbruchs: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) war gerade zu Ende gegangen, die Würzburger Synode (1972-1975) wurde erst angedacht. Die Enzyklika „Humane vitae“ (1968) löste eine hoch engagierte innerkirchliche Diskussion aus, die auch den Essener Katholikentag (1968) prägte und die Gründung von innerkirchlichen Basisbewegungen nach sich zog.

Wir Jugendseelsorger fragten uns, was wir den jungen Menschen zum Themenkreis Liebe, Sexualität, Ehe usw. sagen könnten. Als uns klar wurde, dass wir auf die aktuellen kirchenamtlichen Verlautbarungen nicht zurückgreifen konnten, suchten wir nach Wegen einer glaubwürdigen eigenen Meinungsbildung – und in dieser Suche wurde das Stichwort „kommunikative Vergewisserung“ wichtig: Einerseits wollten wir nicht bloße Sprachrohe unserer kirchlichen Oberen werden, sondern authentisch unsere Überzeugung anbieten, anderseits war uns klar, dass wir – gerade um dieser Authentizität willen – nicht ausschließlich unserer individuellen Tagesstimmung folgen durften. Daraus entstand das Modell einer Glaubensvergewisserung in Kreisen, die wir zum Teil selbst erst gründeten und in denen wir frei suchend miteinander reden und uns zugleich immer wieder selbstkritisch hinterfragen konnten. Solche Kreise tragen viele von uns bis heute. Von ihnen sind auch starke Impulse ausgegangen – in die Gesamt-Kirche und in die Gesellschaft. Vor allem, für unser Thema wichtig: Solche Kreise wurden zu Orten (oder Weggemeinschaften) für Menschen, die auf der Suche nach einem überzeugenden Christsein sind. Hier und da wuchsen sogar Freundschaften, die durch das Leben trugen.

Es waren vielleicht die wichtigsten Erfahrungen von Kirche. Ihnen allen ist gemeinsam, dass es zwar – mal größer, mal kleiner – Formen von Organisation und Institutionalisierung gab, Leitung, Satzungen, Beiträge usw.; aber dass die so entstandenen Strukturen sich nicht verselbstständigten, sondern immer im Wechselspiel mit den Akteuren an der Basis blieben.

Wenn ich heute meine Biographie überdenke, sehe ich eine Fortsetzung dieser Linie auch auf Feldern, auf denen manche Zeitgenossen sie für kaum möglich halten: in der Hochschule und in den Kirchengemeinden, die ich begleiten durfte.

In der Uni sind die Rollen zwar weitgehend verteilt: hier Lehrende, dort Lernende. Und noch einschneidender: hier Prüfende, dort Prüfungskandidatinnen bzw. -kandidaten. Aber ich denke gern an unsere Fachkonferenzen, die ohne die kritische und produktive Mitwirkung der Studierenden nicht halb so fruchtbar gewesen wären, an die Einführungsseminare, die oft von älteren Studierenden organisiert und geleitet wurden, überhaupt an die großen Seminarprojekte und Exkursionen, die nur durch das Zusammenspiel aller Beteiligten möglich wurden, an die kritischen Rückmeldungen von Studierenden über mein Verhalten, und auch an gemeinsame Überlegungen zur Ausgestaltung der Examens-Bedingungen.

Und die Kirchengemeinden? Nach meiner Ernennung zum Hochschullehrer durfte ich als Subsidiar unserem ND-Bundesbruder Günter Becker helfen, eine in einem Hochhaus-Viertel neu gegründete Kirchengemeinde aufzubauen. Außer ihrem Binnenleben entwickelte die Kirchengemeinde auch eine intensive Stadtteil-Arbeit und ein Gremium für eine Bürgerinitiative. Natürlich gab es auch Meinungsverschiedenheiten; aber alle wurden in den demokratisch gewählten Gremien diskutiert und entschieden. Und das haben viele als ein Element des Programms empfunden, das der Name der Gemeinde ausdrückt: „Christus unser Friede“.

Seit über sechzehn Jahren begleite ich in der Duisburger Innenstadt eine sehr lebendige Personal-Gemeinde, deren Anziehungskraft zum großen Teil auf der Person des niederländischen Karmeliters P. Hermann beruht. Aber nicht so, dass der Pater diese Gemeinde in einem bestimmten Sinn prägen wollte, sondern so, dass er Raum gab für vielerlei Initiativen. Viele sehen sich als „Weggefährtinnen und Weggefährten“ angesprochen – und das setzt erstaunliche Energien frei.

Das alles erzähle ich hier nicht, um Bewunderung hervorzurufen, sondern um zu zeigen: Kollegiale Beziehungen, synodale Strukturen sind möglich. Sie können effizient sein und sie machen Freude.

2. Biblische Perspektiven

Mancher könnte meinen: So mögen die Vorlieben eines alten Achtundsechzigers aussehen; aber die Kirche verdankt sich anderen Quellen. Hat nicht Jesus den Petrus eingesetzt, die Herde zu lenken? Ist es nicht Aufgabe der Bischöfe, den Willen des Papstes zur Geltung zu bringen? Sollte also, wer auf der Spur Jesu bleiben will, sich nicht auf die Lehre und die Weisungen, die von Papst und Bischöfen ausgehen, konzentrieren? Spricht das nicht für eine streng hierarchische, im Grunde monarchische Leitung der Kirche? Wirkt dagegen das Reden von kollegialen oder synodalen Kirchenstrukturen nicht wie eine Anpassung an einen modischen Zeitgeist?

Ich kann der Tendenz, die sich in solchen Anfragen äußert, nicht zustimmen. Über diese Diskussion sind aber seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil schon so viele gescheite und wichtige Bücher geschrieben worden, dass ich mich hier auf einige biblische Perspektiven konzentrieren kann. Ich will ja nur verdeutlichen, aus welchen Quellen mein Kirchenverständnis schöpft.

An erster Stelle wäre die matthäische Zusage Jesu zu nennen „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Nicht umsonst wird dieses Wort heute gern zitiert, gesungen und als Gebet gesprochen. Es ist ja auch eine Antwort auf die epochale Grunderfahrung des Suchens und Fragens: Wo ist Gott zu finden? Wir werden verwiesen auf die Begegnung unter Menschen – und auf das „Zusammenkommen“. Das ist gerade die Pointe. Die Weisung Jesu sagt ja nicht: „Fragt zwei oder drei Leute, die werden euch Bescheid geben“, sondern es geht um das Zusammenkommen. Dies scheint ein Grundwort für das Wesen von Kirche zu sein.

Der Neutestamentler Gerhard Lohfink hat uns vor Jahren auf das Motiv des „Einander“ als eine Grundkategorie christlicher Kirche aufmerksam gemacht und eine lange Reihe von Texten der neutestamentlichen Briefliteratur zusammengestellt, die das bezeugen. Hier nur eine Auswahl davon: „einander annehmen“, „einander zurechtweisen“, „füreinander sorgen“, „einander dienen“, „einander in Liebe ertragen“, „sich einander unterordnen“, „einander verzeihen“, „einander die Sünden bekennen“. Die Bedeutung dieser Texte geht mir erst auf, wenn ich sie mit der katholischen Praxis zur Zeit meiner Kindheit vergleiche. Wenn ich z.B. mir meiner Sünde bewusst wurde, wusste ich die zuständige Adresse: Ich gehe zum Priester, um zu beichten und die Lossprechung zu empfangen. Der Amtsträger wird mich lossprechen, so werde ich gerettet. Im Jakobus-Brief höre ich aber etwas anderes: „Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr gerettet werdet“  (Jak 5,16). Und im Matthäus-Evangelium: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ (Mt 18,15). Da ist kein Unten und Oben, die ganze Gemeinde soll ein Feld gegenseitiger Hilfe sein.

Das kommt auch in der Weise zum Ausdruck, wie innerkirchliche Auseinandersetzungen angegangen werden. Das wohl bekannteste biblische Beispiel ist die große Versammlung in Jerusalem, von der die Apostelgeschichte berichtet. Es ging um eine Richtungsentscheidung über den künftigen Weg der Kirche, es gab „einen heftigen Streit“ (Apg 15,7). Auf der einen Seite Paulus und Barnabas, die für den neuen Weg fochten, den sie in Kleinasien gegangen waren, auf der anderen Seite die Alt-Jerusalemer, die für den klassischen Weg der Jerusalemer Tradition kämpften. An dieser Stelle kommt Petrus ins Spiel. Er erreicht schließlich, dass die erregte Menge still wird – und erst einmal zuhört, was Paulus und Barnabas zu berichten haben. Und so kommt man schließlich zu einer schiedlich-friedlichen Entscheidung. Und zu der Überzeugung, in diesem Ringen das Wehen des Heiligen Geistes gespürt zu haben: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15,28).

Diese Szene könnte ein Muster für innerkirchliche Entscheidungsprozesse sein: Man spricht, notfalls: man streitet miteinander, man hört sich gegenseitig an und findet schließlich eine Lösung. Damit das möglich wird, braucht es manchmal auch Leute, die von Amts wegen autorisiert sind. Hier Petrus und Jakobus. Aber diese Autoritäten entscheiden nicht über die Köpfe der vielen anderen hinweg, sondern sie helfen, dass die Vielen zusammen eine Lösung finden. So könnte das Grundmuster einer synodalen Kirchenstruktur aussehen.

Ich weiß: Es gibt im Neuen Testament auch andere Muster. In den so genannten Pastoralbriefen wird der Gemeindeleiter aufgefordert, Wortgefechte in der Gemeinde zu unterbinden und  „bestimmten Leuten zu verbieten, falsche Lehren zu verbreiten“ (1 Tim 1,3). Er soll sich nicht auf Diskussionen einlassen, sondern bei dem bleiben, was er gelernt hat. Hier erscheint die Gemeinde nicht als Subjekt der Verkündigung, sondern nur als Gruppe von Menschen, die in Gefahr ist, sich in Irrlehren zu verlaufen – und die deshalb Belehrung und Ermahnung braucht. Das ist ein ganz anderer Stil als in den echten Paulusbriefen. Man erklärt ihn mit einer besonderen Bedrohung der angesprochenen Gemeinde: gnostische Irrlehrer, welche das Gemeindeleben ins Chaos zu ziehen drohen.

Ich kann mir vorstellen, dass es Situationen gibt, die eine solche Reaktion der Verantwortlichen nahe legen. Sozusagen als Notbremsung. Problematisch scheint mir allerdings, dass die Pastoralbriefe später in manchen Strömungen katholischer Theologie zu klassischen Argumentationsquellen wurden – dass also der Notfall zum Regelfall wurde.

3. Pragmatik

Zum Schluss noch eine Erfahrung, die mir zu einer Anfrage und schließlich zu einem pragmatischen Argument wurde. Vor Jahren hatten mich die evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen des Kirchenkreises Duisburg-Süd eingeladen, die damals (im Jahr 2000) neu erschienene römische Erklärung „Dominus Iesus“ vorzustellen und zu kommentieren, und insbesondere die römischen Erläuterungen, die den nicht-katholischen „kirchlichen Gemeinschaften“ das Kirche-Sein absprachen.

Ich hatte, so gut ich konnte, die innere Logik des Dokuments erläutert und anschließend das kritische Echo vorgetragen, das unter katholischen Theologen darüber zu hören war. Darauf äußerten die evangelischen Gesprächspartner und -partnerinnen ihr Unverständnis: Wieso ich, nachdem ich erst die Schlüssigkeit des Dokuments aufgezeigt, mich anschließend wieder davon distanziert hätte. Widersprach ich mir selbst?

Ich versuchte, die verschiedenen Ebenen zu erklären, die wir in der katholischen Kirche haben – Diskussion der Theologen, Bischofskonferenzen, römisches Lehramt –, dass es zwischen den „Etagen“ zu unterschiedlichen und gegensätzlichen Überzeugungen kommen kann usw. Das fanden die Pfarrer und Pfarrerinnen schwer verständlich: Sie verwiesen auf das System ausführlicher synodaler Diskussionen, das in der Rheinischen Landeskirche besonders ausgeprägt ist, so dass die Pfarrer nicht von oben mit Erklärungen überrumpelt werden könnten: sie hatten sich ja schon vorher gründlich an der Diskussion beteiligt und so das Ergebnis mitgestaltet.

Da dachte ich im Stillen an die andere Praxis in unserer katholischen Kirche: Wurden nicht häufig sogar auch die Bischöfe mit „verbindlichen“ Erklärungen aus Rom überrascht? Und mindert das nicht letzten Endes die Glaubwürdigkeit unserer Verkündigung? Positiv gewendet: Könnte nicht eine synodale Verständigung im Innenraum der Kirche die Solidarität erhöhen und uns nach außen überzeugender machen?

Hier erscheint mir die im letzten Herbst begonnene römische Bischofssynode zum Thema Familie wie ein positives Gegenbeispiel.

Besonders wenn man sie mit dem Entscheidungsprozess vergleicht, der 1968 zu „Humanae vitae“ führte. Damals war ein bedrängendes Problem aus den Beratungen des Konzils herausgenommen und an ein speziell zusammengestelltes Gremium verwiesen worden. Und der Papst entschied dann noch gegen die Mehrheit dieses von ihm selbst zusammengestellten Gremiums. Die Deutsche Bischofskonferenz versuchte mit der Königsteiner Erklärung die Kommunikation mit dem Kirchenvolk zu retten; aber zurück blieb ein enormer Glaubwürdigkeitsverlust.

Jetzt erleben wir ein erfreuliches Gegenstück: Mit einer weltweiten Befragung vor Beginn der Außerordentlichen Synode beteiligte der Papst von vornherein das Kirchenvolk. Nach der ersten Sitzungsperiode wurden die Zwischenergebnisse veröffentlicht, jeweils mit Angabe der Abstimmungsverhältnisse, damit das Kirchenvolk sich weltweit an der weiteren Diskussion beteiligen und die Synode im Herbst dessen Echo aufgreifen kann.

Manche, die es mit der Kirche gut meinen, äußern sich besorgt darüber, dass nun die ganze Welt den innerkirchlichen Disput beobachten kann. Ich beurteile das umgekehrt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil und die Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer fanden vor den Augen der Öffentlichkeit statt – und das hat dem Ansehen der Kirche gut getan.

Der Autor

Bbr. Prof. Dr. Franz-Josef Nocke war Professor für Systematische Theologie an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, dann an der Universität Essen, heute arbeitet er im „Karmel Duisburg – Kirche am Innenhafen“ mit. Er ist gewählter Geistlicher Leiter der KMF-Region Ruhr.

Erstveröffentlichung in
Hirschberg 02/2015, S.116-121.

Stellungnahmen zum Synoden-Vorschlag

„Ein biblisches Muster für innerkirchliche Entscheidungsprozesse:
Man spricht, notfalls: man streitet miteinander, man hört sich gegenseitig an und findet schließlich eine Lösung.“

Franz-Josef Nocke