Synode

Aus pastoraltheologischer Sicht - Rainer Bucher

Hirschberg-Redaktion:

 „Nichts bleibt, wie es war“, der Titel eines Buches von Ihnen, ist eine gesellschaftliche Realität, der Ausdruck eines weit verbreiteten Lebensgefühls und auch eine Beschreibung der katholischen Kirche. Wenn aber vor allem „alles schwimmt“, was sind dann verlässliche „Ausgangspunkte“ in den Leben der Menschen und Prozessen der Gesellschaft, mit denen eine Orientierung und Verständigung über Kirche in Deutschland überhaupt beginnen kann? Wo fangen die an, ohne sich gleich zu verfehlen?

Rainer Bucher:

Nicht alles schwimmt, aber alles kann ins Schwimmen kommen: Partnerschaft, Arbeitsplatz, religiöse Überzeugung, kulturelle Identität und vieles mehr. Wir leben in einer „liquid modernity“ (Zygmunt Bauman). Sicherheiten müssen heute vom einzelnen hergestellt werden, es gibt sie nicht einfach, weil immer auch Alternativen gleichzeitig präsent sind. Damit kommen viele Menschen übrigens recht gut zurecht.

Genau von dieser „liquid modernity“, die übrigens schon lange eine „liquid church“ zur Folge hat, sollte ein Synodenprozess ausgehen. Denn im Strom postmoderner Existenz stößt man  auf viele Dinge, die einen irritieren, faszinieren, manchmal verletzen, jedenfalls berühren, eben ständig alles ändern.

Drei solcher „Zeichen der Zeit“ (II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes 4), so der theologische Terminus für solche Phänomene, sollte sich ein deutscher Gesprächsprozess unbedingt stellen: der Neuchoreographie der Geschlechterverhältnisse und der daraus folgenden Pluralisierung der Lebensformen, der medialen, ökonomischen und verkehrstechnischen Globalisierung und der daraus folgenden Pluralisierung der Kulturen, und dem Herrschaftswechsel von Religion und Biografie, nach dem nicht mehr Religion Biografie beherrscht, sondern biografische Bedürfnisse die situative Nutzung religiöser Angebote.

Hirschberg-Redaktion:

Wäre es für sehr viele Menschen dann nicht hilfreich, wenn mitten in der „liquid modernity“ wenigstens die Kirche an den tradierten eindeutigen Positionen festhält und damit Orientierung ermöglicht, anstatt sich zum Beispiel in den drei genannten Bereichen den Veränderungen zu stellen und damit unweigerlich noch weitere Veränderungen anzustoßen?

Rainer Bucher:

Es geht darum, was die Botschaft des Evangeliums angesichts  wirklich neuer „Zeichen der Zeit“ bedeutet. Die Kirche muss Antworten auf heutige Fragen geben, nicht Antworten auf die Fragen früherer Generationen in ganz anderen gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen. Sie wird sonst zum Museum vergangener Lebensformen. Alle bekannten Gesellschaften waren patriarchal, unsere ist es immer weniger, ein wirklicher Fortschritt an Humanität und damit Christlichkeit: Was bedeutet das für christliche Lebensformen? Alle früheren Kulturen waren raumgebunden, heutige sind es immer weniger: Was bedeutet kulturelle Heterogenität und wie gehen Christen damit um? Über Jahrhunderte war religiöse Macht unhinterfragbar, heute ist sie praktisch verschwunden: Wie kann kirchliches Handeln da Autorität gewinnen?

Es gibt wirklich Neues in der Menschheitsgeschichte. Neue Fragen aber brauchen neue Antworten, sonst wird verraten, was wirklich notwendig ist: die wirksame Präsenz der christlichen Botschaft in Wort und Tat. Tradition ist die erinnerte Geschichte der innovativen Entdeckungen unserer Väter und Mütter im Glauben. Wir haben diese Traditionsgeschichte, diese Inkarnationsgeschichte des Glaubens fortzuführen, nicht stillzustellen – um des Evangeliums willen. Dessen Grundbotschaft bleibt natürlich gleich: vor allem, dass wir alle Gottes Gnade bedürfen und sie auch geschenkt bekommen, wenn wir demütig genug sind, sie zu erbitten.

Hirschberg-Redaktion:

Dann also zu den Aufgaben, die die Veränderungen in der Gesellschaft einer Synode stellen werden. Erstens, „die Neuchoreographie der Geschlechterrollen und die daraus folgende Pluralisierung der Lebensformen“. Was passiert da? Und woraus und wie kann darauf die Antwort einer „wirksamen Präsenz der christlichen Botschaft in Wort und Tat“ gegeben werden?

Rainer Bucher:

Die aktuelle Neuchoreographie der Geschlechterverhältnisse löst, wohl erstmals in der Menschheitsgeschichte, Frauenbiographien gesellschaftsweit von ihrer patriarchalen Zwangskopplung an Männerbiographien und gibt Frauen zunehmend die psychischen, kognitiven, rechtlichen und finanziellen Ressourcen an die Hand, ein Männer-unabhängiges Leben zu führen. Diese zutiefst christliche, weil gerechte Entwicklung hat, zusammen mit anderen Faktoren, zu einer Neukonstellation von Ökonomie und Intimität im Bereich der Partnerschaften geführt: War die Ehe bis vor kurzem ein ökonomisches Projekt mit Intimitätsfolgen, so ist sie heute ein Intimitätsprojekt mit ökonomischen Folgen. „Familie“ ist von einer quasi-naturalen Gegebenheit zu einer hochkomplexen und prekären Herstellungsleistung geworden: „doing family“ nennen das die Soziologen.

Diese Entwicklung hat die Pastoral der Kirche zu einem gewissen Teil, die Lehre der Kirche noch nicht wirklich mit vollzogen. Darum geht ja die Bischofssynode in Rom. Faktum ist: Seit einiger Zeit ist es auch den Katholikinnen und Katholiken hierzulande ziemlich gleichgültig, was die Kirche zu Ehe und Familie sagt. Es ist ihnen freilich nicht egal, was ihren Blick auf ihre Kirche betrifft, von der man schon Solidarität und Hilfe in den Höhen und Untiefen der postmodernen (Beziehungs-)Existenzen erfahren würde und auch erwarten darf. Es geht also darum, ob sich die katholische Kirche endgültig  herausnimmt aus dem Spiel des postmodernen Beziehungs-Lebens oder zurückkommt aufs Spielfeld – gerade mit dem, wofür sie sich zu Recht einsetzt: Liebe, Treue, Aufmerksamkeit, Unverfügbarkeit des anderen. Wie das geschehen könnte, darüber wäre zu beraten.

Hirschberg-Redaktion:

Zum zweiten „Zeichen der Zeit“ und tiefgreifender Veränderung: „die mediale, ökonomische und verkehrstechnische Globalisierung und die daraus folgende Pluralisierung der Kulturen“. Wir sind doch katholisch, gehören zur weltgrößten Konfessionsgemeinschaft mit Mitgliedern aus allen Sprachen und Kulturen, wir sind ökumenisch ziemlich aufgeschlossen und befürworten den interreligiösen Dialog. Deutschland ist auf dem Weltmarkt immer erfolgreicher, und wir Katholiken in Deutschland werden die Begleiterscheinungen von Globalisierung und Kulturpluralisierung sowieso bestens meistern!?

Rainer Bucher:

Sie haben Recht: diese Ressourcen, diese Chancen haben wir. Aber wie nutzen wir sie? Wie nutzen wir sie zur „Rettung der menschlichen Person“, zum „rechten Aufbau der menschlichen Gesellschaft“, wie es in Gaudium et spes 3 heißt? Dass das Mittelmeer kein Friedhof für Flüchtlinge wird, dass der Gottesbegriff in den Religionskriegen der Gegenwart ein Faktor des Friedens und nicht des Hasses wird, dass wir eine multireligiöse und multikulturelle Gesellschaft gestalten, in der alle gut miteinander leben?

Und wie gehen wir damit um, dass der globalisierte und hegemoniale Kapitalismus eben auch tötet, wie der Papst geschrieben hat, dass er verletzt und beschädigt, und das nicht nur weit weg, sondern auch bei uns: das schutzlos ausgelieferte Prekariat, den in seinen Ängsten und Ressentiments gefangenen, abstiegsfährdeten Mittelstand, und auch die erfolgreichen, auf permanente Selbstoptimierung getrimmte Unternehmer ihrer selbst? Idyllen, Gemeindeidyllen, Gottesidyllen, Kirchenidyllen, Familienidyllen helfen da nicht weiter, denn in ihnen muss man ausblenden, was die Idylle stört. Die Zukunft wird, wie es ausschaut, angesichts der Globalisierungsverdichtung viel härter und konfliktreicher sein, als es die letzten Jahrzehnte waren. Wie ehrlich stellen wir uns dieser Wirklichkeit und was haben wir da konkret einzubringen?

Hirschberg-Redaktion:

Drittens dann: „der Herrschaftswechsel von Religion und Biografie, nach dem nicht mehr Religion Biografie beherrscht, sondern biografische Bedürfnisse die situative Nutzung religiöser Angebote“. Der christliche Schlüsselbegriff für ein Leben mit Gott und nach dem Evangelium lautet „Nachfolge“. In seinem Sinn müsste es also um kirchliche Strategien gehen, diesen Herrschaftswechsel wieder umzukehren?

Rainer Bucher:

Nein, denn zu glauben ist ein Akt der Freiheit und ein Geschenk der Gnade. Das hat die Kirche zwar immer gelehrt, aber lange Jahrhunderte vieles getan, dass es de facto nicht so war. Seit der Spätantike hatte die christliche Kirche in West- und Mitteleuropa die Dominanz über die Diskurse des Wissens, über die Ordnung der Gesellschaft und über die Praktiken des individuellen Handelns beansprucht. Nach und nach, wenn auch nie vollständig, hat sie diesen Anspruch auch durchsetzen können.

Religion wird heute aber immer weniger „kirchlich“, also in Konzepten von lebenslanger Mitgliedschaft, unbedingter Gefolgschaft und Macht genutzt. Im Zuge der Durchsetzung eines liberalen, kapitalistischen Gesellschaftssystems werden religiöse Praktiken in die Freiheit des Einzelnen gegeben und folgen damit vielen anderen, ehemals der Entscheidungsfreiheit des Individuums entzogenen Praktiken, etwa der Orts-, Kleidungs-, Berufs- oder Partnerwahl. Religion und damit eben auch alle kirchlichen Praktiken, Weltwahrnehmungskonzepte und Handlungsnormierungen werden unter ein individuelles Nutzenkalkül gestellt – und das gilt nach allen Daten, die wir haben, auch für Katholiken und Katholikinnen.

Die Mehrheit bilden jene Ritualnutzer, die, für relativ viel Geld übrigens, nur noch Lebenswendenriten von der Kirche abfragen und die ansonsten wahrscheinlich ein versicherungsartiges Kalkül („Man kann es vielleicht mal brauchen“) in der Kirchenmitgliedschaft hält. Um es in ökonomischen Termini zu fassen: Die Kirche wird aktuell von ihrer Konsumentenseite her umformatiert, insofern die klassischen kirchlichen Produktionsbedingungen von Religion und Pastoral und deren Konsumbedingungen nicht mehr so richtig zueinander passen, schon allein, weil sich die Institutionen der Religion nicht unter den Kategorien von Produktion und Konsum verstehen, aber genauso heute genutzt werden und zwar ganz unabhängig davon, wie sie sich dazu stellen. Was es für kirchliche Orte bedeutet, die Partizipationsmotive und Partizipationsentscheidungen ihrer Mitglieder nicht mehr kontrollieren zu können, das spüren kirchliche Akteure zurzeit hautnah. Unsere Kirche hat Jahrhunderte Machtkompetenz gespeichert, sie ist eben erst dabei, Dienstleistungskompetenz zu entwickeln. Der Zusammenbruch der „konstantinischen Formation“ ist ein epochaler Einschnitt, der noch lange nicht verarbeitet ist. Der Weg von der Macht zur Autorität ist weit.

Hirschberg-Redaktion:

Dazu allgemein: Auf welche Kirche treffen denn diese „Zeichen der Zeit“ in Deutschland heute? Wie stehen wir da? Die Frage nach der Größe der pastoralen Einheiten vor Ort ist sicher nicht die einzige.

Rainer Bucher:

Der Befund ist ambivalent. Einerseits genießt, folgt man den einschlägigen Studien, die deutsche katholische Kirche für ihre caritativen Tätigkeiten, ihre Bildungsarbeit in den Schulen und teilweise auch als rituelle und spirituelle Lebensbegleiterin durchaus noch Ansehen. Auch ihre starke religionspolitische Stellung scheint mir aktuell nicht gefährdet. Andererseits hat sie offenkundig den Anschluss an mehrere sozio-kulturelle Milieus, zumindest im Gemeindebereich, verloren, wird ihr praktisch kaum mehr Kompetenz in Fragen von Sexualität und überhaupt privater Lebensführung zugebilligt und darf man sich auch keine Illusionen machen, was der Missbrauchsskandal, „Limburg“ und die kriminellen Vorgänge um die Vatikanbank für ihre öffentliche Reputation bedeuten. Die aktuelle Umorganisation der kirchlichen Basisstruktur, die Sie ansprechen, zeigt zudem, dass die deutsche katholische Kirche den Schritt von einer binnenzentrierten Sozialformorientierung zur umgebungssensiblen Aufgabenorientierung nur sehr halbherzig wagt. Eine konsequente Orientierung der Pastoral an den „Zeichen der Zeit“ kann ich nicht erkennen. Allein schon deshalb bräuchte es eine Synode.

Die Mehrheit bilden jene Ritualnutzer, die, für relativ viel Geld übrigens, nur noch Lebenswendenriten von der Kirche abfragen und die ansonsten wahrscheinlich ein versicherungsartiges Kalkül („Man kann es vielleicht mal brauchen“) in der Kirchenmitgliedschaft hält. Um es in ökonomischen Termini zu fassen: Die Kirche wird aktuell von ihrer Konsumentenseite her umformatiert, insofern die klassischen kirchlichen Produktionsbedingungen von Religion und Pastoral und deren Konsumbedingungen nicht mehr so richtig zueinander passen, schon allein, weil sich die Institutionen der Religion nicht unter den Kategorien von Produktion und Konsum verstehen, aber genauso heute genutzt werden und zwar ganz unabhängig davon, wie sie sich dazu stellen. Was es für kirchliche Orte bedeutet, die Partizipationsmotive und Partizipationsentscheidungen ihrer Mitglieder nicht mehr kontrollieren zu können, das spüren kirchliche Akteure zurzeit hautnah. Unsere Kirche hat Jahrhunderte Machtkompetenz gespeichert, sie ist eben erst dabei, Dienstleistungskompetenz zu entwickeln. Der Zusammenbruch der „konstantinischen Formation“ ist ein epochaler Einschnitt, der noch lange nicht verarbeitet ist. Der Weg von der Macht zur Autorität ist weit.

Hirschberg-Redaktion:

Die Überlegung und die Forderung nach einer Synode der Bistümer in Deutschland nähren sich auch aus der Erinnerung an die „Würzburger Synode“ (1971-1975), die damals schon im Zeichen sich auflösender katholischer Milieus und einer sich in jeder Beziehung pluralisierenden Gesellschaft stattfand. Aber es gab deutlich mehr am kirchlichen Leben teilnehmende Katholiken und darüber hinaus noch eine hohe Erwartung in der Gesellschaft an die Kirche und ihre mögliche Erneuerung. Ist die Idee einer Synode heute demgegenüber nicht bereits eine große Selbstüberschätzung? Vielleicht muss man das Biotop Kirche innen hegen und pflegen. Aber darauf zu warten, dass es sensibel wird für seine Umgebung und sie mit gestaltet, verkennt das nicht den Gegensatz zwischen dem Biotop und seiner Umwelt?

Rainer Bucher:

Die Umwelt der Kirche schreibt sich dieser natürlich zutiefst ein, Kirche existiert nicht außerhalb der Welt von heute, sondern ist von ihr zutiefst geprägt. Sie ist Teil der Geschichte in all ihrer Relativität und Kontingenz. Vor allem aber: Kirche ist kein Selbstzweck. Es gibt sie nur für ihre Aufgabe: das „allumfassende Sakrament des Heiles" zu sein, „welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht“ (Gaudium et spes 45). Kirche hat deshalb immer „Kirche für andere“ (Bonhoeffer) zu sein, hat diakonisch zu sein, bereit zur Hingabe. Als Petrus Jesus von diesem Weg der Hingabe abhalten will, sagt Jesus zu ihm: „Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich!“ (Mt 16,23)

Kirche hat Sinn und Bedeutung des Evangeliums von der konkreten Existenz der Menschen heute her zu entdecken und das Leben der Menschen aus der Perspektive des Evangeliums heraus zu befreien. Das Evangelium kann nicht verkündet werden an jenen vorbei, denen es die Liebe Gottes offenbart, es muss vielmehr von ihnen her erschlossen werden, sonst offenbart sich ihnen nämlich nichts. „Biotop“ kann Kirche also nur im ganz wörtlichen Sinn sein: ein spezifischer Ort, wo Leben aufblühen kann – und zwar grundsätzlich das Leben aller.

Hirschberg-Redaktion:

Über was an konkreten Strukturen, Ordnungen, Personal und Praxis der Kirche in Deutschland könnte oder müsste  eine Synode diskutieren und befinden, damit „Leben aufblühen kann“?

Rainer Bucher:

Es wird schlicht darum gehen müssen, wie die deutsche katholische Kirche, die „convérsion pastoral“ (Evangelii gaudium 27, Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus, 24.11.2013) hin bekommt, wie sie also den Auftrag des Papstes erfüllt, „eine ‚verbeulte’ Kirche“ zu werden, „die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist“ und die sich nicht „aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit … an die eigenen Sicherheiten“ klammert und daran „krank“ (Evangelii gaudium 49) wird.

Man darf erst über Strukturen, Ordnungen, Personal und Praxis sprechen, wenn man eine Ahnung davon bekommt, wofür und wie, wo und mit welchem Habitus man sie nutzt und zwar nicht für sich, sondern für andere. 

Die deutsche katholische Kirche hat viele personelle und finanzielle Ressourcen und dafür darf man dankbar sein. Aber dieser Ressourcenreichtum hat sie vom Habitus her bürokratisch und thematisch ziemlich selbstbezüglich werden lassen, da hat eine bestimmte konservative Kritik schon etwas getroffen, wenn auch deren Alternativvorschläge schlicht retro und anachronistisch sind. 

Der Schlüssel sind die genannten „Zeichen der Zeit“. Stellt man sich ihnen freimütig und unvoreingenommen, oder weicht man ihnen aus? Die Zukunft wird, wie es ausschaut, angesichts der Globalisierungsverdichtung viel härter und konfliktreicher sein, als es die letzten Jahrzehnte waren. Wie ehrlich stellen wir uns dieser Wirklichkeit und was haben wir da konkret einzubringen? Sind wir da ein Haus der Gnade, ein Ort der Ehrlichkeit, in dem nicht Idyllen inszeniert, sondern Wirklichkeit wahrgenommen wird?

Schon das Design einer zukünftigen Synode sollte bunt und überraschungsoffen sein, mit vielen Beiträgen von Menschen, die Kirche von außen wahrnehmen, aber dafür vom Leben heute etwas verstehen, mit Gesprächspartner und -partnerinnen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, die der Kirche signalisieren, wie sie wirkt, wie sie wahrgenommen wird, was man von ihr erhofft und welche Hoffnungen man schon lange aufgegeben hat.  Solange sorgfältige Diskursinszenierungen, solange eine Atmosphäre der Ängstlichkeit herrscht und man meint, behutsame Zulassung wäre ein fortschrittliches Konzept, wird sich nichts ändern. Der Dialogprozess zum Beispiel war gut gemeint, aber offenkundig genau so angelegt, dass alles mehr oder weniger bleibt, wie es ist. Gegenwärtig gibt es nach meiner Wahrnehmung noch nicht einmal ein wirklich offenes Gespräch zwischen wissenschaftlicher Theologie und kirchlichem Lehramt. 

Hirschberg-Redaktion:

Trauen Sie unserer Kirche, wie sie ist, denn eine bunte und überraschungsoffene Synode zu? Oder: Wie stellen graue Menschen etwas Buntes auf die Beine?

Rainer Bucher:

Aber natürlich! Wer hätte 1959 gedacht, dass das II. Vatikanum einen solchen Neuanfang setzt, wer hätte dem Kardinalskollegium im Frühjahr 2013 zugetraut, einen Mann wie Bergoglio zum Papst zu wählen?

Papst Franziskus hat auch das Prinzip formuliert, wie man die Uniformität überwindet: Freimütig sprechen und demütig zuhören: „Man muss alles sagen, was man fühlt, und zugleich muss man zuhören und mit offenem Herzen aufnehmen, was die Brüder sagen“. Auf die „Schwestern“ sollte man bei einer deutschen Synode übrigens besonders gut hören.

Wir leiden unter der Jahrhunderte alten Vermachtung des innerkirchlichen Diskurses. Meinungs- und Redefreiheit wurden noch vor 150 Jahren von der katholischen Kirche offiziell verurteilt, selbst für die Zivilgesellschaft. Aber die Menschen in der Kirche sind nicht grau und ihre Leben sind es schon gar nicht, das Leben der Menschen ist reich und bunt. Die Kirche ist nur zu selten ein Ort, an dem dieser Reichtum und diese Buntheit in all ihrer Vielfalt und auch Neuheit präsentiert werden darf.

Heutiges Leben ist prekär, weil standardisierte Erwartungen auf eine nicht-standardisierte Wirklichkeit treffen. Diese nicht-standardisierbare Wirklichkeit muss in einer Synode präsent sein. Theologisch codiert: Der Geist muss wehen können. Das können wir nicht herstellen, aber durch Angst verhindern. Aber man kann auch daran mitwirken, dass er eine Chance hat, vor allem durch Mut und Vertrauen in das Volk Gottes. 

Hirschberg-Redaktion:

Also eine Synode?

Rainer Bucher:

Ja, sie wäre eine Chance. Ob die deutsche katholische Kirche freilich den Mut dazu hat, wird sich zeigen.

Der Autor

Professor Dr. Rainer Bucher, geboren in Nürnberg und habilitiert in Pastoraltheologie bei Professor Ottmar Fuchs in Bamberg, ist Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Fakultät Katholische Theologie der Universität Graz

Die Fragen stellte Martin Merz.

Erstveröffentlichung in
Hirschberg 02/2015, S.103-109.

„Das Design einer zukünftigen Synode sollte bunt und überraschungsoffen sein, mit vielen Beiträgen von Menschen, die Kirche von außen wahrnehmen, aber dafür vom Leben heute etwas verstehen“


Rainer Bucher