Synode

Partizipation statt Partizipationsverweigerung!

Aus der Situation der Kirche - Claudia Lücking-Michel

In fünf Jahren Dialogprozess haben wir in der Kirche Deutschlands viel geredet, in immer neuen Konstellationen und Zusammensetzungen; in großer Ernsthaftigkeit; im Ringen um einen Weg in die Zukunft für unsere Kirche; in auffallender Offenheit und Ehrlichkeit; viel miteinander und wahrscheinlich noch einmal so viel übereinander. Jetzt ist das Ende des vorgesehenen Dialogprozesses in Sicht. Im September 2015 wird in Würzburg das fünfte und damit letzte Dialogwochenende stattfinden.

Und dann?

Ich kann mir jedenfalls nur schwer vorstellen, dass wir uns verabschieden und es dann dabei belassen, dass wir einfach in unsere alten Strukturen und Gesprächsorte zurückkehren. Dafür ist zu viel in Bewegung geraten und zu viel in und durch diesen Dialogprozess in den letzten Jahren passiert. Genauso gilt allerdings: Dafür ist seit 2010 noch viel zu wenig passiert.

Zudem haben wir in Rom nun einen Papst, der viele heiße Eisen anpackt und nicht müde wird zu betonen, dass jeder von uns gemeint ist, dass wir alle aufgefordert sind, in unserer Kirche Verantwortung zu übernehmen.  

War die Antwort unserer Kirchenleitung im Krisenjahr 2010 „Dialog“, kann es 2015 aber auch nicht einfach heißen „noch mehr Dialog und noch intensivere Formen des Dialogs“. An der Forderung „Dialog statt Dialogverweigerung“ haben wir uns im ZdK seit 20 Jahren mit begrenztem Erfolg abgearbeitet. Wäre nicht die katholische Kirche durch den Missbrauchsskandal bis in ihre Grundfesten erschüttert worden, sähe die Bilanz der Dialogbereitschaft noch deutlich schlechter aus.  Doch das Erreichte will ich gar nicht diskreditieren, wir sollten darauf aufbauend weitermachen.

Im nächsten Schritt wird es aus meiner Sicht nicht mehr um Dialog allein, sondern um Teilhabe gehen. Auf Dauer werden wir als Kirche unserem Auftrag nur gerecht, - werden wir die anstehenden Herausforderungen nur meistern können, wenn wirklich alle gemäß ihren Talenten, Fähigkeiten und Möglichkeiten als mündige Christen Verantwortung übernehmen (können).  Alle, die es betrifft – so ein traditionsreicher Grundsatz –, sollen auch die Möglichkeit haben, mit zu beraten und mit zu entscheiden. Eine Kirche, die sich seit dem II. Vaticanum als Communio sieht, als Kirche aller Gläubiger, muss diesem Selbstbild auch in eindeutig legitimierten, dauerhaften, wirkmächtigen Beteiligungs- und Partizipationsformen gerecht werden. Dazu braucht es neue Formen, die über die Möglichkeiten des etablierten Rätesystems deutlich hinausgehen. Es ist daher an der Zeit, repräsentative, eindeutig von der Basis legitimierte und mit entscheidungsrelevanten Mitwirkungskompetenzen unterlegte synodale Strukturen einzuführen.

Der Weg dahin führt über eine klare Besinnung auf die Aufgabe und Funktion von Kirche.  Wir werden nicht müde zu beteuern, dass die Kirche Christi eine Kirche der Armen und eine dienende Kirche sein muss, sonst kann sie nicht die Kirche Christi sein. Von Papst Franziskus erhält diese Bewegung der Kirche sehr starken Rückenwind, also traut sich hier auch kaum noch einer zu widersprechen. Zum Glück weht der Wind damit in eine Richtung, die mir sehr gut gefällt. Was heißt das aber konkret für die anstehenden Sachfragen im Jahr 2015? Wir brauchen eine Reform! Alle, die aktuell über die Situation der Kirche reden, sind sich in diesem Punkt einig. Doch damit endet die Einigkeit auch schon, denn in welche Richtung diese Reform gehen soll, ist heiß umstritten. Und hier beginnt die Notwendigkeit zum Dialog, zum gemeinsamen Ringen um Lösungen und um gemeinsam verantwortete Entscheidungen. Denn keine geteilte Verantwortung ohne geteilte Mitbestimmung!

Daran entbrennt sehr schnell heftiger Streit. Das ist auch weder verwunderlich noch verwerflich, sondern entspricht unseren als Demokraten gelernten Mustern. Nach dem Ringen um Lösungen folgen Abstimmungen und gemeinsam getragene Entscheidungen. Innerkirchlich sieht es da schlechter aus.  Wir sind auf das Wohlwollen und die Vorstellungen der einzelnen Ortsbischöfe angewiesen. In mehreren deutschen Bistümern eröffnen sich in diesem Sinne überraschend erfreuliche Entwicklungen. In anderen scheint der Zug rückwärts zu fahren. Und bundesweit warten wir auf die Entscheidung, wie es nach dem Dialogprozess weitergeht.

 

Kirche geht uns alle an

Bisher ist unsere Kirche weitgehend wie ein Klerikerstaat und alles andere als basisdemokratisch organisiert. An der Spitze einer Ortskirche steht der Bischof, ernannt vom Papst – keine Wahl, keine Beteiligung der Gläubigen. Nur noch der Applaus am Ende des Gottesdienstes zur Bischofsweihe erinnert daran, dass es hier mal um die Zustimmung der Gläubigen des Bistums ging. Schon Nikolaus von Cues hat in seiner Schrift „De concordantia catholica“ bemerkenswerte Modelle entwickelt, wie eine Wahl bzw. ein Konsens von unten und die Beauftragung von „oben“ bzw. die Berufung durch den Heiligen Geist theoretisch zusammengedacht und praktisch zusammengebracht werden können. Es geht m.E. darum, das Amt nicht durch synodale Strukturen zu ersetzen, wohl aber dauerhaft zu ergänzen.

Das II. Vaticanum hat zum Glück dafür gesorgt,  dass die katholische Kirche ihr Selbstbild als pyramidal strukturiertes Sozialgebilde zu korrigieren hatte. Nicht unten das Volk und darüber als Leitung die Kleriker bis hin zum Papst, einsam an der Spitze und mit umfassenden, absolutistischen Vollmachten. Wie in altkirchlicher Zeit begann sich Kirche wieder als Volk Gottes zu sehen, das gemeinsam auf dem Weg durch die Zeit ist. „Gemeinsam auf dem Weg“, daher kommt der griechische Begriff „syn-odos“. Wenn wir in diesem sehr grundsätzlichen Sinn reden, kann es gar nicht anders sein, als dass unser Gesprächsprozess nun in „synodale“ Strukturen überführt wird. „Unsere Hoffnung“, das Glaubensbekenntnis der Synode von Würzburg, war nicht so gemeint, dass wir in die Synode selbst unsere Hoffnung setzen sollen, aber immerhin garantiert es die Erinnerung daran, dass es eine Zeit und eine Phase gab, in der so etwas wie eine Gemeinsame Synode auf dem Gebiet der Deutschen Bischofskonferenz möglich war.

Als Ort für die Debatte um Lösungen, für erste Entscheidungen und zur Einübung eines neuen partizipativen Miteinanders wäre eine „Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer“, etwa wie die vor über 40 Jahren in Würzburg, ein hilfreiches Best-Practice-Modell. Jetzt allerdings einfach auf eine Art Synode im Sinne von „Würzburg II“ zu setzen, wäre zu kurz gesprungen. Daraus kann man Hinweise für eine Übergangs-, aber noch nicht für die dauerhaft angestrebte Lösung gewinnen. Eine Art Synode, die Wege spuren, überdiözesane Lösungen erarbeiten und zur Abstimmung bringen kann, die zur Einführung dauerhafter Formen von Verantwortungs- und Arbeitsteilung weitere Strukturen entwickelt, die Kleriker und Laien, Bischöfe und Kirchenvolk berücksichtigt. Natürlich, ich höre schon die Einwände: Kirche ist keine Demokratie. Das stimmt! Aber sie ist auch kein absolutistischer Staat. Richtig! Souverän der Kirche ist nicht das Volk, sondern Christus. Aber wer sagt denn, dass Christus wie bisher allein durch die Hierarchie präsentiert werden kann? Es geht darum, Laien als mündige Christen ernst zu nehmen und einzubinden. Menschen suchen heute Orte einer tragenden Freiheit.

Das Anliegen, zentrale Fragen zur Zukunft der Kirche gemeinsam anzugehen –und das heißt gemeinsam von Kirchenvolk und beauftragten Amtsträgern –, treibt unsere Kirche schon lange um. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben diesem Ruf nach mehr Beteiligung aber noch einmal ungeahnte Dringlichkeit verliehen. Dazu kommen die vielen Hoffnungszeichen von Papst Franziskus. Wann, wenn nicht jetzt, gibt es den Kairos, gibt es die Gelegenheit, mehr Teilhabe einzufordern? Etwas anzusprechen, das der gegebenen Situation in besonderer Weise innewohnt?

Denn „jede geschichtliche Epoche, jede Gesellschaft trägt die Möglichkeit einer neuen Inkarnation des Evangeliums in sich“ (Marianne Heimbach-Steins). Gefragt ist eine geistig-kirchliche Grundhaltung. Eine Grundhaltung nicht der fertigen Antworten, des alles Erklären-Könnens und der vermeintlichen Patentrezepte für die Lösung all unserer Probleme, sondern eine Grundhaltung der Neugier, des Verstehen-Wollens und des neuen Aufbruchs. Dieses Verständnis mündet in ein riskantes Unternehmen, denn es setzt voraus, sich nicht nur einzulassen auf die anderen, sondern auch auf das, was „die Welt uns bringt“: auf die Zeichen der Zeit, auf die Strömungen der Moderne, auf Freiheitserfahrungen und Demokratisierungsprozesse. Reform, doch wohin?

 

Partizipation – wozu?

Noch einmal genauer: Wozu das Ganze? In der Regel denken wir in Kategorien von „Recht behalten“, „Macht sichern“, „die öffentliche Wahrnehmung bestimmen“. Wir wollen die einflussreiche Stellung der Kirche in der bundesrepublikanischen Gesellschaft retten und all das erhalten, was es an Einrichtungen, Organisationen und Standards bisher gibt. Doch wir dürfen als Kirche und dürfen als katholische Einrichtungen nicht den Eindruck erwecken, vor allem mit uns selbst beschäftigt zu sein. Unsere Grundfrage sollte nicht sein: „Was braucht die Kirche, damit alles so weitergehen kann wie bisher?“ Sondern wir müssen fragen: „Was brauchen die Menschen?“ „Was tut not?“ „Wie können wir helfen?“

Die Stimme der Kirche als Anwältin für die Schwachen ist am Beginn unseres Jahrhunderts angesichts der Probleme in der Welt und in unserem Land nötiger denn je. Lassen wir uns den Auftrag von „Gaudium et Spes“ neu ans Herz legen. Dort heißt es nicht, dass uns die Sorgen und Nöte um die Kirche des 21. Jahrhunderts umtreiben sollen, sondern die Freude und Hoffnung und Sorge und Angst der Menschen dieser Welt, besonders der Ärmsten der Armen unter ihnen.

Dazu gehört als Voraussetzung aber auch, dass wir in der Kirche selbst dafür sorgen, dass niemand ausgeschlossen, benachteiligt und übersehen wird, und dass wir endlich jene Denkweisen und Strukturen aufbrechen, die in der Kirche zwischen Menschen Barrieren aufrichten und nach außen den Dialog mit und in der Gesellschaft schon deshalb vereiteln, weil sie als Gesprächspartnerin nicht glaubwürdig ist! Wer kann denn ernsthaft erwarten, dass die Kirche mit ihren demokratischen und partizipativen Defiziten, dem Ausschluss von Frauen von den eigentlichen Leitungsämtern, der wachsenden Entfernung von den Lebensorten und -nöten der Menschen als Anwältin der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit in der Gesellschaft gehört und respektiert wird? Von der Verkündigung des Evangeliums durch das eigene Beispiel ganz zu schweigen.

Lösungen wofür: Was tut not?

Bei den Debatten um die Fortführung des Dialogprozesses und um den Bedarf einer Synode kommt an dieser Stelle immer der Einwand: Worüber wollt ihr denn reden? Erstmal müssen doch die Themen festgelegt werden! Ich kann aus dem Stehgreif darauf antworten: Sowohl die Themen wie deren Dringlichkeit haben sich seit 2010, als ZdK und DBK zusammen in Bensberg den Start des Dialogprozesses vereinbarten, nicht wesentlich geändert. Nur ungern wiederhole ich die Anliegen, die damals im Mittelpunkt standen, aber cum grano salis gilt: Sie stehen heute auch noch als große Aufgaben vor uns:

Lebendige Gemeinden erhalten

Der Prozess der mutwilligen Zerschlagung von Pfarrgemeinden als sozial-pastorale Nahräume geht mit ungebremster Wucht weiter und hat schon manche Struktur unwiederbringlich zerschlagen. Diese Umorganisation absorbiert nicht nur viele wichtige Kräfte, die wir für andere Aufgaben bräuchten, sie führt auch zu einer beschleunigten Selbstmarginalisierung von Kirche. Nach wie vor werden lebendige Pfarrgemeinden aufgelöst und in große Verwaltungseinheiten überführt. Das kennen wir alles schon aus der kommunalen Gebietsreform. Es führt zu verwaltungsmäßig handelbaren Einflussbereichen, aber nicht zu spirituellen und beziehungsreichen Lösungen. Die wenigen einsatzfähigen Priester werden als Art Behördenchefs verbraucht und kommen gar nicht dazu, noch als Seelsorger zu wirken. Selbstverständlich gibt es überkommene Strukturen, die nicht überlebensfähig sind, man wird den Mut haben müssen, Änderungen durchzusetzen, wo Geld, Gläubige, Möglichkeiten und Ressourcen fehlen, um Bestehendes zu erhalten. Aber das Hauptargument für die Zerschlagung von Gemeinden unter Absehung der konkreten Umstände ist in der Regel allein der Priestermangel. Das alles wird gemacht, weil es nicht mehr genug Priester für die Gemeindeleitung gibt. Und schlimmer: Da schon jetzt klar ist, wie sich die Priesterzahlen entwickeln, ist das Ende vieler Umstrukturierungen nur der Beginn für die nächstgrößere Zusammenlegung. Wir brauchen ein anderes Konzept von Gemeindeleitung. Die Kinder, die Alten und die Kranken, und nicht nur sie, sind auf das Fortbestehen sozialer Nahräume angewiesen. Für das Gelingen einer dialogischen und kooperativen Pastoral sind Strukturen wichtig, Menschen sind jedoch entscheidend. Unsere Kraft und Energie brauchen wir nämlich für die Menschen vor Ort, nicht um die Fusionen zu organisieren.

 

Frauen mehr Verantwortung geben

„Ich werfe unserer Zeit vor, dass sie starke und zu allem Guten begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.“ (Theresia von Avila).

Zugegeben, es ändert sich was: Frauen in Führungspositionen – das ist jetzt ein Dauerthema der Bischofskonferenz und Cantus firmus bei Gesprächen mit fast allen Bischöfen. Doch wir leben nach wie vor in einer von Männern geleiteten Frauenkirche. Die Charismen von Frauen kommen nach wie vor nicht angemessen vor; sie haben strukturell – unabhängig von ihren eigenen Qualifikationen, Motivationen oder Berufungen – keine Chance, sich gleichberechtigt in die Gestaltung kirchlicher Wirklichkeit einzubringen, allein weil sie Frauen sind. Die Antwort auf die Frage nach der Diakonatsweihe für Frauen wird seit vierzig Jahren vertagt. Zum Glück nimmt die Zahl derjenigen zu, die diese Frage konsequent und immer wieder laut stellen. Die Diskussion über die Ordination von Frauen wurde per Diktat offiziell beendet. Selbst wenn ich gehorchen wollte, ich kann und will aber nicht per Diktat aufhören zu denken. So kommt mir in den Sinn:  Zurzeit werden so viele Tabus angesprochen, alte Debatten werden wieder neu eröffnet. Also wird auch dieses Thema wieder drankommen, denn die Überzeugungskraft der vorgetragenen Argumente für den Ausschluss von Frauen nimmt weder durch Dauerwiederholung noch durch Redeverbote zu.

 

Fortschritte in der Ökumene: Gemeinsames Abendmahl

In Deutschland gibt es ein geschwisterliches Nebeneinander der Konfessionen, dazu gut eingeübte, klar abgezirkelte Formen des Zusammenwirkens und -glaubens. Dabei plätschert die Ökumene so dahin. Wir sind weit entfernt von hitzigen Auseinandersetzungen. Doch es gibt immer noch die Menschen, die an den trennenden Gräben zwischen den Konfessionen leiden, besonders diejenigen, die in konfessionsverbindenden Ehen leben und  hoffen, zu ihren Lebzeiten noch gemeinsam mit ihrem Ehepartner Eucharistie feiern zu dürfen. Mit zunehmender Frustration und Unwillen erleben sie aber auch, wie die Jahrzehnte dahingehen und sich trotz aller theologischen Fortschritte und Klärungen in der offiziellen Praxis nichts ändert.

Sexualmoral ohne LügenInnerkirchlich leiden wir unter einer Sprachlosigkeit in Bezug auf alles, was mit Sexualität und Sexualmoral zu tun hat. Uns fehlen die Worte. Aber wenn wir reden und dabei in den Spiegel schauen wollten, müssten wir vorher die furchtbare Doppelmoral überwinden, an die wir uns viel zu sehr gewöhnt haben. Damit meine ich nicht das Scheitern einzelner, die hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleiben. Wer bin ich, darüber richten zu wollen? Nein, ich meine die innerkirchliche, öffentliche, gemeinschaftlich gepflegte Doppelmoral, die unsere Worte, selbst da, wo wir sie ernst meinen, Lügen straft. Beim Missbrauchsskandal hat uns unsere Sprach- und Handlungsunfähigkeit in schlimmster Weise eingeholt. Es ist ja nicht so, dass Menschen nicht Rat, Hilfe und Weisung bräuchten, wie sie ihre Sexualität verantwortlich und menschenwürdig in gelingenden Partnerschaften leben können. Aber wer sieht denn neben dem erhobenen Zeigefinger auch noch die helfende Hand? Alle Hoffnungen richten sich nun auf die Bischofssynode im kommenden September, das Vorbereitungstreffen im letzten Jahr hat bereits deutlich gemacht, wie weit der Weg noch ist. Sehr gut, dass die Fragebögen zur Vorbereitung wirklich bis an die Gemeinden weitergegeben werden sollten und auch jetzt wieder alle gefragt sind, sich zu äußern. Aber ansonsten sollten wir die römische Bischofssynode nicht vorschnell mit dem Projekt „Synode“, das wir in diesem Heft ausloten, in eins setzen. Wir Christen, nicht nur die Bischöfe, sondern wir Eltern, Pädagogen, Jugendleiter, junge Paare, die sich kennenlernen genauso wie lang verheiratete Ehepaare, Alleinlebende, Jugendliche und Alte, müssen eine Sprache finden, um überhaupt über Sexualität wieder christlich sprechen zu können. Am besten beginnen wir damit, uns gemeinsam der menschlichen Wirklichkeit zu stellen: der Sexualität in der Ehe – es geht nicht nur um Empfängnisregelung – und der vor und nach einer Ehe, von Jugendlichen und Alten, der Homosexualität, dem Glück gelingender Sexualität genauso wie all den Problemen und Abgründen, die jede Sexualität mit sich bringen kann.

Wiederverheiratete Geschiedene

Hier hoffe ich ja, dass wir kurz vor einem Durchbruch stehen. Die Zeichen mehren sich. In Rom diskutierte die Vorbereitungssynode das Thema und fand Worte, um Fragen zu formulieren, auch wenn sie noch nicht antwortete. Im kirchlichen Arbeitsrecht wird die pure Not durch Fachkräftemangel dazu führen, dass man pragmatische Lösungen findet. Die deutschen Bischöfe wagen im Blick auf die pastoralen Fragen, vor allem die Zulassung zur Kommunion, mutige Lösungsvorschläge. Doch noch können wir das Thema nicht als erledigt durchstreichen.  

Da können wir sowieso nichts ändern? Nicht so kleinmütig! Seit dem Apostelkonzil, das die Stellung der Heidenchristen so gar nicht im Sinne des Establishments der jungen Kirche regelte, kam in der Kirchengeschichte schon manches anders, als die Verantwortlichen gedacht und geplant hatten. Gott ist größer als wir denken. Er hält sich zum Glück nicht an den CIC, noch an Beschlüsse der Bischofskonferenz oder des Zentralkomitees. Vor dem II. Vaticanum erschien ebenso vieles unmöglich, was dann umgesetzt wurde, aber viele der Reformen waren immerhin vorbereitet: Die neue Liturgie wurde nicht nur im Bund Neudeutschland schon lange vorher gefeiert und eingeübt. Auch die Männer, die sich dazu berufen fühlten, hatten sich schon auf eine Weihe zum ständigen Diakon vorbereitet. So was nennt der kirchliche Sprachgebrauch „vorauseilenden Gehorsam“.

Christliche Tradition in ihrer bisherigen Auslegung ist nicht schon das letzte Wort. Kirche in ihrer bisherigen Geschichte ist nicht schon alles. Es braucht die Verbindung von innerer Festigkeit im Bewusstsein der eigenen Wurzeln und eine Weltoffenheit, die die Moderne nicht scheut. Beides gehört zusammen. Genau das war gemeint, als das Zweite Vatikanische Konzil von den „Zeichen der Zeit“ gesprochen hat. Das ist mehr als der Aufruf zur Zeitgenossenschaft. Selbstbewusst zu den eigenen Traditionen stehen, das macht fähig, mutig Neues zu erwarten, und Neues zu wagen macht fähig, die eigene Tradition in die Zukunft fortzuschreiben.

Karl Rahner sagt: „Wer grundsätzlich verbieten will, dass der Wille für eine Zukunft auch ein Wagnis in das Unbekannte ist, der will im Grunde Freiheit und Geschichte abschaffen.“ Gut, dass das nicht so einfach geht! Ein Tag vor dem Mauerfall hat niemand geahnt, dass es 24 Stunden später schon so weit sein würde und ein Jahr später Regime und Staatsapparate verschwunden wären. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf, dass auch bei uns in der Kirche Veränderungen schneller gehen werden, als wir alle heute denken. Ob und wenn ja in welcher Form eine „Gemeinsame Synode“ der nächste Schritt hin zu mehr Partizipation in der Kirche wäre – das wollen wir in diesem Heft ausloten.

Denn wer mutig Neues wagen und in die Weite hinausgeführt werden will, muss zumindest selbst aufbrechen. Erst dann gilt, was uns ein beliebtes Kirchenlied verheißt: „Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.“

 

Die Autorin:

Dr. Claudia Lücking-Michel, MdB, ist Leiterin der KMF und Vizepräsidentin des ZdK.

 

Erstveröffentlichung in
Hirschberg 02/2015, S. 72-78

Begründung aus der Situation der Kirche

„Wir brauchen eine Reform! Alle, die aktuell über die Situation der Kirche reden, sind sich in diesem Punkt einig. Doch damit endet die Einigkeit auch schon, denn in welche Richtung diese Reform gehen soll, ist heiß umstritten. Und hier beginnt die Notwendigkeit zum Dialog, zum gemeinsamen Ringen um Lösungen und um gemeinsam verantwortete Entscheidungen“

Claudia Lücking-Michel