Synode

Der Dialogprozess: ein erster Schritt

„Wir wollen uns stärker auf die Menschen zubewegen. Wir wollen den Gläubigen noch mehr Weggefährten sein. Wir wollen unsere Mitmenschen hören und wollen mit ihnen sprechen.“[1] Mit diesen Worten wollte der Freiburger Erzbischof Zollitsch, damals der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), seine Mitbrüder bei der Herbstvollversammlung in Fulda im September 2010 für seine „Dialoginitiative“ gewinnen. Das Gespräch sollte die bedrückende Entfremdung zwischen „Amtskirche“ und Kirchenvolk mildern, den Gläubigen in neuer Weise eine Stimme geben, ihre Erfahrungen und Fragen hörbar machen und aufgreifen und – last not least – den allgemeinen Vertrauensverlust der Kirche überwinden. Denn hatte nicht der Ausstieg der Bischöfe aus der Schwangerschaftskonfliktberatung und die Missbilligung der Gründung von „donum vitae“ zu einem schweren, lang andauernden Konflikt zwischen der DBK und dem ZdK geführt, das diese Gründung mit großer Mehrheit unterstützt hatte?[2] „Und die im Jahr 2010 ans Licht gekommenen Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker und Ordensleute beziehungsweise der oft völlig unangemessene Umgang der Kirchenleitung mit Tätern und Opfern“ [3] hatte zu einer schweren Vertrauenskrise geführt – ablesbar an den hohen Austrittszahlen.[4] Gründlich und öffentlich sollte in vier großen Foren im Jahresabstand diese Krise aufgearbeitet werden.

Nach dem abschließenden vierten Forum im September 2014 in Magdeburg soll hier nun eine vorsichtige Bilanz des Erreichten versucht werden. Die noch ausstehende Abschlussveranstaltung 2015 in Würzburg soll vornehmlich einer „Standortbestimmung der katholischen Kirche in Deutschland“ dienen im Zusammenhang mit dem Jubiläum des Abschlusses des II. Vaticanums vor 50 Jahren und der Würzburger Synode vor 40 Jahren – nicht mehr der thematischen Arbeit.

Wie Erzbischof Zollitsch es sah

Was war das Neue an dieser „Dialoginitiative“? Das war das Hauptthema der Rede, die Erzbischof Zollitsch bei der Herbstvollversammlung der DBK im September 2010 in Fulda

hielt. Die DBK sollte im Laufe einer auf mehrere Jahre angelegten Veranstaltungsreihe Katholiken aus allen Diözesen, aus allen „Funktionsgruppen“, z.B. Diözesanräte, Verbandsvertreter, Mitarbeiter der Caritas, zu einem Gespräch über zentrale Fragen des Glaubenslebens einladen. Bei diesen Treffen sollten die Teilnehmer unbefangen, ohne einen Amtsbonus, ihre persönlichen Ansichten, Einstellungen und Meinungen kundtun und im Gespräch mit den Bischöfen, aber auch untereinander berichten, wie sich in ihren Pfarreien und Diözesen, in den Verbänden und Orden die Glaubenspraxis entwickelt. Die Bischöfe sollten sich in diese Gespräche als gleichberechtigte Partner einbringen. Sie versprachen sich von diesen Zusammentreffen Informationen über die Wirklichkeit des gelebten Glaubens, sie wollten etwas erfahren über die Situation in den Pfarreien, in den verschiedenen Bistümern und in den Orden, darüber, wie sich die Christen von heute mit den Glaubenslehren auseinandersetzen, mit der Kirche als Arbeitgeber, mit dem Priestermangel und dem allgemeinen Zustand der Kirche in Deutschland.

Die Bischöfe wollten die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen in ihre Arbeit einfließen lassen. Für sie sollte die „Dialoginitiative“ dem besseren Verständnis des Glaubenslebens unter den Bedingungen der heutigen Gesellschaft dienen. Das war ihr eigentliches Ziel.

Dialog aus der Sicht des ZdK

Nachdem die Bischöfe trotz mancher Bedenken diese Vorschlägen ihres Vorsitzenden letztlich doch einstimmig gebilligt hatten, lud Erzbischof Zollitsch den Gemeinsamen Ausschuss von DBK und ZdK in erweiterter Form für den 4. und 5. November 2010 nach Bensberg ein, dort hat er den Vorschlag der DBK vorgetragen. Alois Glück, der Präsident des ZdK, hat die Initiative begrüßt.

Jedoch war ein deutlicher Vorbehalt gegen die Konzeption eines unverbindlichen Gesprächsprozesses erkennbar. Die Vertreter des ZdK forderten nicht nur einen „Dialog auf Augenhöhe“, sondern auch Ergebnisorientierung. Sie gingen also davon aus, dass für die realen Probleme der Kirche Lösungen gefunden werden müssten und könnten, die dann für alle Bistümer in der Bundesrepublik gelten sollten und dort auch umgesetzt werden. Wie wichtig dem ZdK diese Realitätsbindung und -verpflichtung war, wurde noch einmal deutlich, als Alois Glück 2012 verlauten ließ, er werde einen echten Dialog einfordern, und davor warnte, die Gespräche ohne ein nennenswertes Ergebnis ausgehen zu lassen. Falls das geschehe, müsse man mit einer tiefgreifenden Frustration rechnen. Mit diesem Beharren auf einem ergebnisorientierten Dialog auf Augenhöhe widersprach Glück der Meinung etlicher Kirchenrechtler, die der Auffassung sind, zwischen Priestern und Laien sei kein „echter“ Dialog möglich, da sie zwei wesensverschiedenen Ständen in der Kirche angehörten, zwischen denen nur ein unverbindliches Gespräch möglich sei. Die DBK tue gut daran, auf der Bezeichnung „Gespräch“ statt Dialog zu bestehen.

Claudia Lücking-Michel, eine der Vizepräsidentinnen des ZdK, nannte sechs Themenbereiche, die in den folgenden Jahren diskutiert werden sollten: Lebendige Gemeinden erhalten – Frauen mehr Verantwortung geben – Fortschritte in der Ökumene: Gemeinsames Abendmahl – Sexualmoral – Wiederverheiratete Geschiedene – Zwischen mündigem Staatsbürger und folgsamem Schaf.[5]

DBK und ZdK vertraten also zwei unterschiedliche Konzepte über die Ziele und Wirkungen des Gesprächs. Das sollte sich auf den Verlauf des Gesprächsprozesses nachhaltig auswirken.

Das Programm

Auf der Frühjahrsvollversammlung der DBK 2011 wurden Orientierungsdaten für den auf vier Jahre angesetzten Ablauf festgelegt.

  • Das umfassende Thema sollte lauten: „Im Heute glauben“.
  • 300 Teilnehmer waren als Zahl für die Foren vorgegeben.
  • Diese 300 Plätze wurden auf die einzelnen Funktionsgruppen verteilt: Bistümer, ZdK, Orden und Geistliche Gemeinschaften, Katholischer Fakultätentag, Verbände, Caritas.
  • Die Bischöfe überließen diesen Gruppen die Auswahl ihrer Vertreter.
  • Eine Auftaktveranstaltung mit dem Thema „Wo stehen wir?“ sollte einer Vergewisserung über den Auftrag und die Situation in den deutschen Bistümern dienen. Die weiteren
  • Themen der im Jahresabstand vorgesehenen folgenden Treffen wurden von den Bischöfen vorgegeben. Sie orientierten sich an den Grundvollzügen der Kirche: Diakonia (Dienst am Nächsten) – Liturgia (Glaubensfeier) - Martyria (Glaubenszeugnis).
  • Und so lauteten die Themen:
    2011 – Mannheim: Im Heute glauben. Wo stehen wir?,
    2012 – Hannover: Diakonia der Kirche, „Unsere Verantwortung in der freien  Gesellschaft“,
    2013 – Stuttgart: Liturgia der Kirche, „Die Verehrung Gottes heute“,
    2014 – Magdeburg: Martyria der Kirche, „Den Glauben bezeugen in der Welt von heute“, 2015 – Würzburg: Abschluss und Feier des Konzilsjubiläums – 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vaticanums / 40 Jahre nach dem Ende der Würzburger Synode.
  • Beiräte der „Gemeinsamen Konferenz von DBK und ZdK“ sollten parallel zu den Gesprächsforen die Themen: „Priester und Laien in der Kirche“ und „Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“ bearbeiten.
  • Einige diözesane Veranstaltungen sollten die Gesprächsinitiative ergänzen.[6]

Zwischenbilanz

Fragt man im Jahr 2014, nach drei Jahren eines intensiven Gesprächsprozesses, zunächst einmal, was die 300 Teilnehmer erlebt haben, was sie bewegt hat, dann wird man feststellen, dass sie menschliche, offene und gleichberechtigte Gespräche erlebt und eine Kommunikation erfahren haben, die Gläubigen angemessen ist, für die Freiheit, Gleichheit und Mitbestimmung in ihrer Kultur selbstverständlich sind. Die veränderte Gesprächskultur und die Offenheit seit dem Beginn des Prozesses wurde auch abschließend positiv gewürdigt: „Wir haben es geschafft, uns in eine neue Kultur des Dialogs einzuüben. Wir reden vertrauensvoller miteinander, Verkrampfungen und Verdächtigungen sind gewichen. Wir haben eine gute Gesprächsatmosphäre geschaffen“, so Kardinal Marx in seinem Schlusswort.

In zunehmendem Maße hatte es Bemühungen gegeben, in diesem Gesprächsprozess auch dahin zu kommen, Ergebnisse der Gespräche festzuhalten und sie weiter zu verfolgen. Das aber war mit diesem Tagungskonzept nicht möglich. Die Gespräche liefen nicht auf gemeinsame Aussagen, auf gemeinsame Feststellungen oder gar konkrete Vorschläge hinaus. Die Gesprächsgruppen konnten nichts als ihre übereinstimmende Ansicht festhalten, keine Aufgaben der Zukunft als ihre gemeinsamen Gesprächsergebnisse zu benennen. In der Schlussrunde kam der Unmut darüber, dass man nach drei Jahren ohne irgendein konkretes Ergebnis die Gespräche beenden würde, deutlich zum Ausdruck. Denn die von den Bischöfen gewählte Kommunikationsstruktur war sehr gut dafür geeignet, Meinungen auszutauschen und eine Vielfalt von Aspekten und Positionen sichtbar werden zu lassen. Aus diesem Grunde und um einer breiten Information willen haben die Bischöfe sie ja auch gewählt. Nur  Entscheidungen, reale Veränderungen konnten damit nicht angebahnt werden.

Diese behielten sich die Bischöfe auch vor. „Die Offenheit des Prozesses darf nicht bedeuten, dass am Ende alles offenbleibt. Ich möchte Ihnen versprechen, dass ich alles dafür tun werde, dass der Gesprächsprozess nicht folgenlos bleibt. Dafür brauchen wir verbindliche Vereinbarungen und konkret abgesprochene Schritte und Formen“, so Kardinal Marx. Und er brachte den Sinn des Gesprächsprozesses auf einen kurzen Nenner: das Gesprächsforum müsse als ein Experiment mit Höhen und Tiefen angesehen werden, das evaluiert werden müsse, als ein Gremium, das nicht beauftragt sei, Beschlüsse zu fassen, sondern als ein „Orientierungsgremium“, das der DBK sehr geholfen habe, das zu sehen, „was in den nächsten Jahren auf sie zukommt.“ Die bereits 2011 in Aussicht genommene „Standortbestimmung der katholischen Kirche in Deutschland“ soll wohl, wenn man die Schlussbemerkungen des Vorsitzenden der DBK sowie Bischofs Bode richtig interpretiert, allein Sache der Bischöfe sein.

Also war der Prozess eine „erfolgreiche Hilfe für die Entscheidungen der DBK“ – aber dieses Fazit greift zu kurz. Auch wenn in den Gesprächsforen keine Vorschläge ausgearbeitet, keine Mehrheiten abgefragt, keine Forderungen erhoben wurden – das Erlebnis des gemeinsamen geschwisterlichen Gesprächs mit gleichwertigen Beiträgen lässt eine neue Gesprächskultur aufscheinen, hat Maßstäbe gesetzt für das Bild des aktiven, für seine Kirche verantwortlichen Glaubenden. Und in den Vorschlägen des Beirats „Priester und Laien“ wird zukunftsweisend das Bild von in dieser Welt verorteten Priestern und Laien erkennbar.

Wie geht es weiter?

Das ist die Frage, die nicht nur die Teilnehmer des Gesprächsprozesses umtreibt, sondern alle Katholiken, die sich um die Zukunft der Kirche sorgen. Eine Fortentwicklung des positiven Erbes von vier Jahren Foren- und Beiratsarbeit ist jetzt gefragt. Eine Institution, in der sich die Vielfalt der Lebenssichten und Glaubensaussagen zeigt und Analyse sich mit Entscheidungswille verbindet. Kurzum: wir brauchen eine Synode.

Kardinal Marx hat etwas vage von „anderen Formen einer Mitwirkung“ gesprochen, was ihm so ausgelegt wurde, er befürworte die Einberufung einer Synode. Er hat aber unmittelbar nach Magdeburg erklärt, dass jetzt nicht die Zeit für eine neue Synode sei. Prof. Gerhard Kruip, der Mainzer Sozialethiker, der alle vier Gesprächsforen analysiert hat, hält auf jeden Fall eine Anschlussveranstaltung nur dann für sinnvoll, wenn sie folgenden Kriterien genügt: „Man braucht intensivere und argumentativ ausgetragene Debatten, ein echtes Ringen um mögliche Lösungen mit einer bewusst geplanten Beteiligung von Fachleuten, ein gut strukturiertes, möglicherweise arbeitsteiliges Vorgehen in parallel an verschiedenen Themen arbeitenden Gruppen, die konzentrierte Arbeit an konsensfähigen Texten sowie am Ende sicherlich greifbare und sichtbare Ergebnisse in Form von Handlungen und veränderten Strukturen – und das nicht nur in einzelnen Diözesen, sondern auch bundesweit.“ Sein Kommentar gipfelt in der Aufforderung: „Gehen wir doch auch bundesweit den Weg, den Bischof Dr. Stephan Ackermann in seiner Diözese eingeschlagen hat, und überführen wir den Gesprächsprozess in eine Synode.“[10]

Die Frühjahrsvollversammlung des ZdK wird eine erste Antwort geben müssen.

Anmerkungen

[1] Sofern nichts anderes angegeben sind die Zitate den offiziellen Verlautbarungen der DBK und des Zdk entnommen. Diese können auf deren Homepages abgerufen werden.

[2] Erst wenige Jahre vorher (2006) hatte die DBK gegenüber donum vitae den sog. „Abgrenzungsbeschluss“ gefasst, der Mitarbeitern im kirchlichen Dienst die Mitwirkung in donum vitae untersagt; ehrenamtliche Mitglieder in kirchlichen Verbänden und Organisationen werden ersucht, auf eine leitende Mitarbeit in donum vitae zu verzichten. Dieser Beschluss spielt bei dem Gesprächsforum in Hannover eine Rolle.

[3] Herder Korrespondenz 2012 S. 493

[4] Claudia Lücking-Michel, Dialog – Impuls für eine zukunftsfähige Kirche, Arbeitstagung von Vertretern der DBK und des ZdK am 4./5. November 2010, s. www.zdk.de/veroeffentlichungen/reden-und-beitraege/detail/Dialog-Impuls-fuer-eine-zukunftsfaehige-Kirche-Claudia-Luecking-Michel--224J/

[5] Der Finanzskandal um den Bau des Bischöflichen Palais in Limburg wurde erst nach Beginn des Gesprächsprozesses bekannt. Er führte zu einem weiteren Vertrauensverlust der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit.

[6] Die Initiative zur Einberufung eines Gesprächsforums in den Diözesen lag bei den Ortsbischöfen. Nicht in allen Diözesen wurde ein Dialogprozess eingeleitet.

[7] Über die vier Foren veröffentlichte die DBK jeweils eine ausführliche Dokumentation, die zudem nicht nur in Englisch und Französisch veröffentlicht wurde, sondern auch in Italienisch. Ebenfalls zu allen vier Foren veröffentlichte der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip zusammen mit seiner Mitarbeiterin Luisa Berrang/Luisa Fischer ausführliche und weiterführende „Anmerkungen“ (www.memorandum-freiheit.de Menüpunkt „Gesprächsprozess“). Aus diesem Text für Hannover stammen auch die beiden Zitate.

[8] Das Zusammenwirken von Charismen und Diensten im priesterlichen, prophetischen und königlichen Volk Gottes, Arbeitspapier des Beirates „Priester und Laien“ der Gemeinsamen Konferenz, entstanden aus der Projektgruppe 1 – Bensberg 2010, s. www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Das-Zusammenwirken-von-Charismen-und-Diensten-im-priesterlichen-prophetischen-und-koeniglichen-Volk-Gottes-203u/

[9] Vgl. auch die Herbstvollversammlung der DBK mit dem Thema: „Gemeinsam Kirche sein. Das Zueinander der Dienste und Charismen im priesterlichen Gottesvolk“,22.-25. September 2014. Die beiden Referate hielten Äbtissin Dr. Christiane Reemts OSB („Die Feier der Eucharistie und die Leitung der Kirche“) und der neue Bischof von Passau Dr. Stefan Oster SDB („Gemeinsames Priestertum und Priestertum des Dienstes“).

[10] Kruip/Fischer für Stuttgart S.11

Begründung aus dem Dialogprozess

„Eine Fortentwicklung des positiven Erbes von vier Jahren Foren- und Beiratsarbeit ist jetzt gefragt“

Rolf Eilers