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Bericht der Jahrestagung des AK Naturwissenschaft und Glaube

Gehirn - Gedächtnis - Glaube

Erinnerungen werden im Gedächtnis abgelegt und bei Bedarf abgerufen. So dachte man lange. Die Philosophie und die moderne Hirnforschung wissen es besser. Der Philosoph Martin Gessmann, zusammen mit der Hirnphysiologin Hanna Monyer Coautor des Buches „Das geniale Gedächtnis“ informierte die fast 40 Teilnehmer/innen im Kloster Salmünster,  dass das Gedächtnis nicht nur der Vergegenwärtigung der Vergangenheit dient. Vielmehr orientiert es uns in der Gegenwart und weist den Weg in die Zukunft. In jedem Moment wird es mit neuen Eindrücken, Wahrnehmungen und Erfahrungen konfrontiert und gestaltet sich entsprechend um. Die Wissenschaft spricht von Neuroplastizität.

Was bisher war, wird teils vergessen, überschrieben und uminterpretiert. Eine objektive Geschichte kann es deshalb nicht geben. Vielmehr wird die Vergangenheit immer sowohl kognitiv als auch emotional repräsentiert. Emotional gekoppelte Erinnerungen spielen für die Identität des Menschen, aber auch von Gesellschaften und Kulturen eine wesentliche Rolle. Sie sind es, die den „roten Faden“ der Existenz bilden. Selbst schwer demente Menschen können sich deshalb an Melodien und sogar an einzelne Lied- und Gedichttexte erinnern, allerdings auch an traumatische Erlebnisse.

Ebenso konstituiert sich die religiös-christliche Identität primär über emotional berührende Erfahrungen. Der christliche Glaube lebt wesentlich aus dem Gedächtnis an das Leben Jesu. Dieses Leben ist in Geschichten überliefert und wird in Riten gefeiert, die „zu Herzen gehen“. Auch die moderne pädagogische Forschung versteht immer mehr, dass Lernen ohne emotional fundierte Aufmerksamkeit, Motivation und eine entsprechende Lernumgebung nicht funktioniert. Der Schlüssel für Lernen ist also personale Beziehung und die narrative Einbettung von Inhalten. Daran knüpfen auch viele sog. „Mnemotechniken“ an.  Das Gedächtnis ist tatsächlich auf seine Weise genial. Es liegt an uns, diese Gabe zu pflegen, solange sie uns gegeben ist. Wie lange das sein wird, liegt nicht unserer Hand.

Kurt Schanné

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